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Wer ist hier homophob? Polizei findet keine Schuldigen des homophoben Übergriffs auf LaSky

veröffentlicht um 10.03.2014, 11:27 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 10.03.2014, 11:31 ]
Ermittler finden niemanden, der Dmitri Tschischewski ins Auge schoss. Richter sieht in Überfall keinerlei Schwulenhass
Vor vier Monaten waren Unbekannte mit Sturmhauben in das Büro von LaSky eingedrungen, einer Organisation, die sich um aidskranke Schwule kümmert. Die Eindringlinge schrien „Stehenbleiben, ihr Schwuchteln!“ und schossen mehrmals mit einer Luftpistole auf die dort Anwesenden. Ein Geschoss traf dabei den 27-jährigen Dmitri Tschischewski ins linke Auge. Mehrere Operationen, um sein Augenlicht wiederherzustellen, waren leider erfolglos.

Dima trägt inzwischen eine schwarze Piratenklappe, er wundert sich, wenn plötzlich jemand von links auftaucht, und denkt wehmütig an die Zeit zurück, als er noch zwei sehende Augen hatte.
Abbildung: Dmitri Tschischewski, Foto aus VKontakte

Überfall „aus reiner Liebe“

Am 4. November, zwei Tage nach dem Überfall, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet – eines wegen „Rowdytums“, das andere wegen „schwerer Körperverletzung aus rowdyhaften Beweggründen“. Dmitri und seine Anwälte bestanden darauf, dass der Überfall als „Verbrechen aus Hass auf LGBT als soziale Gruppe" eingestuft wird. Doch die Ermittlungsbeamtin Olga 
Nowgorodzewa „erkannte“ hierfür keinerlei Anhaltspunkte.

Folgt man also der Logik der Ermittler, so banden sich zwei junge Leute aufs Geratewohl Maske und Schal um, spazierten zufällig in das Souterrain eines Hauses an der Fontanka-Uferstraße, riefen dort ebenfalls rein zufällig „Ihr Schwuchteln!“ zu den Anwesenden und wollten einfach mal ein bisschen herumpöbeln und auf Leute schießen. Und selbstverständlich ist dies alles nicht aus Hass geschehen!

Der Vorfall verursachte zwar einen Aufschrei in der Stadt, allerdings nicht bei den Ermittlungsbehörden. „Wir hatten gehofft, dass der Medienrummel die Ermittler mehr motivieren würde. Aber wie sich herausstellte, waren meine Vorstellungen, wie Strafverfolgungsbehörden arbeiten, reine Fantasie aus Krimiserien wie Columbo. Im realen Leben wälzt man da nur Akten und kritzelt Papier voll. Eine Ermittlungsbeamtin und ein Fahnder arbeiteten mit uns zusammen. Den Fahnder habe ich ein paar Mal getroffen. Der Ermittlerin waren wir und mein Fall dagegen völlig egal", beschwert sich Dmitri.

Seine Anwälte und er versuchten, Beschwerde einzulegen, weil die Strafsache nicht sachgerecht als Hassverbrechen eingestuft wurde. Doch der Richter vom Sankt Petersburger Bezirksgericht im Stadtteil Leninski zeigte sich im Einklang mit den Strafverfolgern.

So kam man auf der Suche nach den Tätern keinen Deut voran, und am 4. März stellte die Ermittlungsbehörde unter Hinweis auf ihre Machtlosigkeit das Verfahren ein.

Homophobie als Tatsache vertuscht

Dmitri ist enttäuscht: „Die Arbeit der Fahndergruppe war unter aller Kanone. Die haben in dem Raum, wo auf mich geschossen wurde, gerade mal zwei Fingerabdrücke aufgenommen, von denen niemand weiß, wem sie zuzuordnen sind. Dann fanden sie noch ein paar Projektile und gaben sich zufrieden. Hinterher fanden wir noch sechs bis acht weitere Kugeln. Nennt man so etwas solide Arbeit?“

Das Opfer homophober Gewalt schließt nicht aus, dass es auch eigene Untersuchungen anstellen wird, „obwohl inzwischen viel Zeit ungenutzt verstrichen ist“. Doch es gibt Anknüpfungspunkte, etwa ein Video von der Beobachtungskamera eines nahe gelegenen Hotels, auf dessen Band zu sehen ist, wie zwei maskierte junge Männer – die mutmaßlichen Täter – davonrennen. Laut Dmitris Rechtsanwältin Maria Koslowskaja wurden diese Aufnahmen bei den Untersuchungen nicht angefordert und nicht berücksichtigt. Gegen die Entscheidungen des Gerichts und der Strafverfolgung werde man demnächst klagen, gegebenenfalls „bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte“.

„Die Ablehnung der Ermittlungsbehörde, das Verbrechen angemessen einzuordnen, beweist, dass man versucht, einen homophoben Hintergrund bei Überfällen zu vertuschen. Doch deren Zahl ist im letzten Jahr in Sankt Petersburg erheblich angestiegen“, erklären die Anwälte von Dmitri Tschischewski und Anna Pruzkowa, dem zweiten Opfer des vorliegenden Falls.

Annas Klage wird in Kürze vor Gericht verhandelt werden. Sie verspricht sich jedoch kein großes Wunder, da bereits zwei Klagen ihres Anwalts wegen der Weigerung der Ermittlungsbeamtin Olga Nowgorodzewa, Hass auf LGBT als Motiv zu berücksichtigen, von Staatsanwaltschaft und Ermittlung abgewiesen wurden.

„Ich sehe Licht“


Dmitri will sich aber nicht unterkriegen lassen, wie er es auch schon kurz nach dem Überfall ankündigte. Im Gegensatz zu den Strafverfolgungsbehörden hat er in den letzten vier Monaten eine Menge erreicht: Er hat StopHate, eine Protestbewegung gegen Homophobie, ins Leben gerufen, er arbeitet in einem neuen Job als Programmierer und hat seine „bessere Hälfte“ gefunden. Gegenwärtig läuft sein Visumantrag für die USA, wo er zur Weltkonferenz der LGBT-Organisationen eingeladen ist.

„Ich glaube, ich kann sogar wieder Licht erkennen, wenn ich mit der Taschenlampe in mein Auge leuchte“, sagt Dmitri. Inzwischen wurde das verletzte Auge innen mit Silikon ausgefüllt, um die Form zu erhalten. In vier Monaten muss Dmitri erneut zur Operation, dann werden die Ärzte das Silikon mit einer anderen Flüssigkeit austauschen. Sehen aber wird er mit diesem Auge nie mehr.

Übersetzung: Quarteera e.V.
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