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„Viele Kinder leben offen, und insofern sind sie schon Sieger“

veröffentlicht um 24.04.2014, 06:41 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 28.04.2014, 01:41 ]
Jelena Ratschewa sprach mit den Regisseuren Askold Kurow und Pawel Loparew über ihren Film „Die Kinder 404“, der von jungen Lesben und Schwulen erzählt.


An diesem Mittwoch findet die Premiere des Films „Die Kinder 404“ im Rahmen des Projekts „Cinema verite“ statt, das Colta.ru mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung durchführt. Die Filmvorführung wird auch durch das Projekt „Realnost“ als weiteren Kooperationspartner ermöglicht.

Sie beide haben Dokumentarfilme über den Leninkult gedreht, Pawel macht außerdem Trickfilme und Askold war Ko-Autor des Films „Sima, uchodi!“ (Winter, fort mit dir!). Wie kam es zu dem Entschluss, einen Film über heranwachsende Schwule und Lesben zu drehen?

Pawel Loparew: Vor vier Jahren begann ich, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Damals dachte ich, man müsste sich damit beeilen, weil es schien, dass gerade eine Art Aufprall geschah und ein Konflikt in der Gesellschaft hochkam, der sich in einem Jahr wieder legen würde, wenn die Toleranz gesiegt haben würde. Doch dann stand erst einmal ein anderes Projekt an, und ich hatte keine Gelegenheit, mit dem Film anzufangen. Erst etwa drei Jahre später ging ich mit dieser Filmidee zu Askold.

Askold Kurow: Vor anderthalb Jahren hatte ich auf Colta.ru einen Artikel über ein schwules Paar gelesen, das in einer aussterbenden Kolchose zusammenlebt. Beide Männer arbeiten dort als Traktorfahrer, und ich wollte einen Film über sie drehen. Dann habe ich längere Zeit versucht, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, aber das klappte irgendwie nicht.

Pascha und ich hatten anfangs nur die ganz abstrakte Idee, einen Film über Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LGBT) vor dem Hintergrund des neuen Gesetzes gegen „Homopropaganda“ zu machen. Wir fingen also an zu recherchieren, trafen uns mit Aktivisten, gingen auf ihre Versammlungen und suchten Helden für unseren Film. Dabei fanden wir eine richtig tolle Geschichte – die Selbstverteidigungsgruppe. Deren Mitglieder sind LGBT-Aktivisten, die bei Straßenaktionen die Teilnehmer vor homophoben Übergriffen schützen sollen. Diese Freiwilligen üben sich in Selbstverteidigung in einer ganz gewöhnlichen Kampfsportgruppe. In ihrem Trainingsraum hängt eine riesengroße Fahne vom alten Zarenreich, tagsüber trainieren da Nationalisten, und abends kommen dann Schwule und Lesben. Das war echt abgedreht, weil diese Geschichte sämtliche Stereotypen durchbrach.

Loparew: Genau, ganz großes Kino eben. Der Trainer wusste, dass auch Schwule und Lesben in seinen Räumen trainieren, doch er wollte das nicht an die große Glocke hängen und gab uns keine Erlaubnis zum Drehen. Aber als eine Art „Entschädigung“ hat uns schließlich einer aus der Selbstverteidigungsgruppe den Link zur Gruppe „Kinder 404“ geschickt (einem Internetprojekt für lesbische und schwule Jugendliche, die dort von sich erzählen können – die Red.). Die Gruppe war im März gegründet worden, und unsere Filmidee entstand im September, sodass bereits 500, 600 Geschichten zusammengekommen waren.

Kurow: Wir machten uns auf den Weg nach Nischni Tagil zu Lena Klimowa, der Gründerin der Gruppe. Dort verbrachten wir zwei Tage, und Lena schrieb dann über unser Projekt allen Kindern und Jugendlichen, die bis zu diesem Zeitpunkt ihre Geschichten an „Kinder 404“ geschickt hatten – insgesamt über 700. 76 von ihnen waren bereit, mit uns zu reden. Letztlich sind 45 anonyme Interviews entstanden.

Die Namen Ihrer Protagonisten durften Sie natürlich nicht preisgeben, oder?

Kurow: Wir haben jedem Kind eine andere Stimme gegeben, und es werden an keiner Stelle geografischen Namen genannt. Zuerst dachten wir, dass wir uns mit unseren Filmhelden direkt treffen werden, doch das hätte sowohl für sie als auch für uns gefährlich werden können. Unser erster Protagonist, ein schwuler 16-Jähriger aus einem winzigen Dorf im Ural, wollte mit uns ein geheimes Treffen vereinbaren. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt merkten wir, dass nicht er, sondern seine Mutter antwortete: Sie hatte offenbar sein Benutzerkonto geöffnet und ging davon aus, dass wir Pädophile seien, sodass sie uns in eine Falle locken wollte. Was aus ihrer Sicht durchaus zu verstehen war ...

„Die Kinder 404“ nehmen sich heutzutage früher so an, wie sie sind. Doch ihre Eltern sind dazu noch immer nicht bereit.“

Loparew: Später haben wir erfahren, dass solche Dinge öfters passieren und Eltern die Post ihrer Kinder öffnen. Die Mutter eines anderen Jungen arbeitete zum Beispiel beim Inlandsgeheimdienst FSB, sie hatte das Facebook-Konto ihres Sohnes geöffnet, eine Beobachtungskamera installiert und ihn dann mit den Aufnahmen als Beweis für seine Verabredungen konfrontiert.

Kurow: Wir hatten uns gedacht, dass wir zuerst ein Interview immer aus der Ferne führen. Und wenn wir mit dem betreffenden Kind gut ins Gespräch kämen, würden wir es danach auch direkt besuchen. Doch als wir per Skype und am Telefon die ersten Interviews gemacht hatten, wurde uns klar, das allein schon diese Gespräche ein interessantes und wertvolles Material ergaben. Es bestand nur folgendes Problem: Für einen Film als visuellem Medium musste zu den Tonaufnahmen auch etwas gezeigt werden. Also fragten wir die Jugendlichen, ob wir „ihre Welt“ aufnehmen dürfen.

Loparew: Wobei wir sie nicht baten, etwas Konkretes aufzunehmen, etwa wie sie in der Schule gemobbt würden oder welche Skandale sie mit den Eltern auszutragen hätten, es sollte eher etwas Interessantes und Harmloses sein. So entstanden circa fünf Stunden äußerst unterschiedlicher Videoaufnahmen wie die Autofahrt mit der Mutter, ein Besuch zu Silvester, ein Einkaufsbummel, der Rundgang durchs Zimmer ...

Manchmal ergaben sich auch gewisse Dissonanzen – zum Beispiel wenn die Jugendlichen etwas sehr Trauriges erzählten, die Bilder aber zeigen, wie sie sich gerade über etwas kaputtlachen, mit einer Freundin durch die Stadt ziehen, ihre Füße aufnehmen oder eine Muppet-Show mit Fausthandschuhen geben.

Kurow: Es sind allerdings auch sehr bedrückende Momente zu sehen, zum Beispiel wenn man dieses Mädchen sieht, das gern allein auf dem Dach eines verfallenen Krankenhauses herumläuft und der Zuschauer ihre tiefe Einsamkeit spürt. Oder die Szene mit dem Jungen, der Aufnahmen in den Schulfluren macht, und man hört ständig „Schwuchtel!“, „Schwuchtel!“

Loparew: Zuerst haben wir diese Pöbeleien gar nicht richtig gehört, doch als wir den Ton lauter stellten, konnten wir innerhalb von nur einer Minute wiederholt Stimmen hören – von den Kleinsten bis zu den Schülern der oberen Klassen –, wie sie den Jungen anmachen: „Schwuchtel! Homo! Igitt, du Schlampe, verzieh dich!“ Ständig wird er beleidigt und angerempelt. Er hat es verdammt schwer, denn er wohnt nicht bei den Eltern und seine Peiniger haben ihm mehrfach brutal zugesetzt: Sie lauerten in der Nähe seines Hauses auf ihn, verprügelten ihn, haben ihn mit Urin überschüttet und sogar versucht, ihn zu vergewaltigen. Anfangs ist er dann mit dem Taxi nach Hause gefahren, später zog er um, und schließlich hat er freien Schulbesuch beantragt und hauptsächlich zu Hause gelernt.

Der Trailer zum Film zeigt fast ausschließlich einen Protagonisten, der schon erwachsen ist.

Kurow: Ja, und zwar Pascha – einen unserer Haupthelden, der bereits 18 ist. Kurze Zeit, nachdem wir uns entschieden hatten, den Film über die Kinder 404 zu machen, war ich unterwegs zu Aufnahmen von einem Unterstützertreffen für Alexei Nawalnys Dokumentarfilmprojekt „Srok“ (Die Frist). Nach diesem Treffen sah ich Pascha mit einem Plakat über Nawalny. Er fiel sofort auf, wie er da im Stadtzentrum mit seinem Plakat herumlief, sich als Einzel-Mahnwache vor dem Bolschoi-Theater aufstellte und später damit noch in der Metro zu sehen war ... Er hat mir aus dem Stand heraus gleich seine ganze Geschichte erzählt. Pascha stammt zwar aus der Provinz, aus Uljanowsk; er hatte aber trotzdem schon mit 14 sein Coming-out, woraufhin seine Mitschüler begannen, ihn fertigzumachen. Darum beschloss er, als er 16 war, nach Moskau zu gehen. Hier war er ganz auf sich gestellt und schloss die Schule ab – wobei man sagen muss, dass sich in Moskau die anderen Schüler normal zu ihm verhielten, dafür aber die Lehrer ihn schikanierten. Pascha ist inzwischen für ein Universitätsstudium in Kanada angenommen worden und will dorthin, um Journalistik zu studieren – und mit der Hoffnung, für immer dableiben zu können.

Im Film gibt es noch eine weitere interessante Figur. Einen ziemlich hippen Typ, der in einen gleichaltrigen Jungen vom Nachbarhof verliebt ist. Als die Mutter des anderen Jungen davon erfährt, verbietet sie beiden, sich zu treffen, und bestraft ihren Sohn mit Stubenarrest über die gesamten Neujahrsferien. Daraufhin halten unser Held und seine Freunde eine Mahnwache unter den Fenstern der Wohnung des eingesperrten Jungen. Und dessen Mutter ruft ihnen zu: „Ich reiß euch die Eier ab!“ Doch sie entgegnen ihr mit Sprechchören und Plakaten, auf denen steht: „Goscha, du bist der Beste!“ und „Liebe ist stärker als Hass“. Von LGBT stand nichts auf den Plakaten. „Mir ist schon klar, dass das sonst als Propaganda ausgelegt werden könnte“, sagte uns der 17-Jährige.

Loparew: Der Film enthält Ausschnitte von nur 25 Interviews. Einige Gespräche haben wir nicht verwendet, weil sie einfach zu heftig waren. Wir wollten nicht schockieren und auch keine großen Gesten, sondern einfache und einleuchtende Geschichten.

Kurow: Unser Anliegen war es, einen breiter angelegten Film zu machen, der nicht nur die Probleme lesbischer und schwuler Jugendlicher thematisiert, sondern einfach zeigt, wie es ist, anders zu sein.

Loparew: Genau, und da sich die Gespräche im Film kaum um Liebe drehen – und um Sex überhaupt nicht –, tritt das Thema sexuelle Orientierung auch in den Hintergrund. Wir erleben Kinder und ihre Geschichten, und wir verstehen, dass sie anders sind und dafür verfolgt werden. In gewissem Sinn ist das viel problematischer, als wenn du zum Beispiel einer anderen Nationalität angehörst. Die hast und kennst du von Geburt an und wirst damit in einer Familie aufgenommen. Doch in puncto sexueller Orientierung stellst du erst ab einem bestimmten Moment fest, dass du anders bist, und bleibst dir damit selbst überlassen.

Mit welchen Gefahren sind diese Kinder konfrontiert?

Kurow: Wenn Eltern herausfinden, dass ihr Kind homosexuell ist, drohen oft Besuche beim Psychiater oder Popen. Wir haben zwei Jungs gefilmt, die von ihren Eltern auf die Straße gesetzt wurden. Sie fanden  Unterschlupf in einem Dorf bei einer ihnen bis dahin unbekannten Frau, die sie über die Gruppe „Kinder-404“ gefunden hatten. 

Loparew: Bevor die beiden die Frau kennenlernten, hatten sie bereits überlegt, auf den Strich zu gehen, um über die Runden zu kommen. Das haben sie zwar als Witz erzählt, die Perspektive ist aber durchaus realistisch. Wenn die Kinder vor die Tür gesetzt werden und auf der Straße landen, geraten sie in eine andere, äußerst marginalisierte Umgebung.  

Eine andere Protagonistin ist ein Mädchen aus einer orthodoxen Familie, Tochter eines Popen uns selbst sehr gläubig. Selbstredend ist dies ein schwieriger Fall.

Dann gibt es da dieses 14jährige Mädchen aus einem kleinen Dorf. Ein erwachsener Mann (mich verwundert, dass Erwachsene daran beteiligt sind) hat sprichwörtlich die Jagd auf sie eröffnet. Er begann über das Internet Druck auszuüben, rief die Schule, die Eltern und die Verwaltung des Ortes an. Er hat es so weit getrieben, dass man anfing das Mädchen zu verfolgen und zusammenzuschlagen. Das Jugendamt hat sie wegen angeblicher homosexueller Propaganda unter Beobachtung. Nach der Annahme des Gesetzes über „Homosexuelle Propaganda“ haben einige Jugendliche Probleme mit der Verwaltung ihrer Schule bekommen. Manche haben nur Glück, weil sie gute Noten haben.

Ist es also so, dass diese Kinder gezwungen sind erfolgreich zu sein, um sich zu schützen? Ihr Anderssein stimuliert sie?

Kurow: Manchmal ist das so. Allerdings nur, wenn du nicht jeden Tag in der Schule verprügelt wirst und dich nicht mehr auf das Lernen konzentrieren kannst. Viele von denen, mit denen wir gesprochen haben, wollen weg aus Russland. Deshalb orientieren sie sich jetzt schon auf Berufe, die woanders gebraucht werden könnten, wie etwas Designer oder Programmierer.

Wollen viele weg?

Loparew: So ungefähr zwei Drittel. Ein Teil von ihnen sagt, dass sie nicht ausreisen wollen, doch glauben, dass sie in der Situation, die um LGBT-Menschen aufgebauscht wird, kein freies, vollwertiges Leben führen können werden. Erwachsene Homosexuelle, die in einem ganz anderen Land aufgewachsen sind, haben sich damit abgefunden. Doch viele „Kinder-404“ sind nicht bereit zu solchen Kompromissen

Die Fotos der Kinder werden durch Deine Freunde, Nachbarn, Verwandten lebendig. Du verstehst, dass sie irgendwo hier sind. Sie sind nur nicht sichtbar.

Kann man sagen, wodurch sich die „Kinder 404“ von herkömmlichen Jugendlichen unterscheiden?

Kurow: Viele von ihnen haben mit ihren 16, 17 Jahren bereits viel durchgemacht. Wahrscheinlich sind sie besser auf das Leben vorbereitet. Sie müssen jedoch für die Zukunft leben. Sie sagen: „Ich ertrage das, was jetzt mit mir passiert.“ Und dann machen sie sich auf Ärzte, Wissenschaftler, Übersetzer oder Künstler zu werden. Sie haben sehr ernsthafte Pläne für ihr Leben.

Sie müssen die Beziehung zu ihren Eltern ertragen?

Loparew: Ja. Das schlimmste ist, wenn Dich Deine Familie nicht akzeptiert. Früher, bevor es das Internet gab, hat der Mensch verstanden, dass er, sagen wir, schwul ist und sich lange selbst dafür gehasst und vor anderen versteckt hat. Von der Erkenntnis der eigenen Homosexualität bis zur Annahme derselben konnten viele Jahre vregehen. Die „Kinder 404“ jeoch sind eine ganz andere Generation. Sie leben und entwickeln sich in einer globalen Welt der Information. Sie nehmen sich früher selbst an. Und schon nach ein, zwei Jahren sind sie bereit zu einem aufrichtigen Gespräch mit den Eltern. Das Problem ist nur, dass die Eltern darauf in keiner Weise vorbereitet sind.  

Kurow: Die Kinder surfen im Internet, die Eltern jedoch schauen „Rossija“ und Dmitrij Kiselev[1]. Ihr Wissen über Homosexualität beziehen beide Seiten also aus völlig gegensätzlichen Quellen. Mich hat beeindruckt, dass einige Kinder ganz offen über sich und ihre Verliebtheit reden. Oft haben sie noch keine Art von körperlichen Kontakten sondern einfach nur romantische Gefühle. Es kommt vor, dass sie sich im Chat unsterblich verliebt haben. Das reicht ihnen jedoch schon, um sich vor den Eltern zu outen und für ihre Liebe zu kämpfen. 

Dann habt ihr also keine Opfer sondern Sieger gefilmt?

Loparew: Am Anfang dachten wir schon, wir würden einen Film über Opfer drehen. Über Ofer dieses Gesetzes, welches keine Demonstration und Protestaktion der LGBT-Aktivisten verhindern konnte. Das war’s. Das Gesetz ist in Kraft. Und Kinder sollten eigentlich diejenigen sein, die dieser Situation am schutzlosesten ausgesetzt sind. Doch im Film kam es ganz anders. Viele Kinder erscheinen nicht als Opfer. Sie entscheiden sich, offen zu leben und so sind sie wahrscheinlich die Sieger.  

Der Film wurde im letzten Jahr von September bis Dezember gedreht. Hat sich in dieser Zeit das Verhältnis zu LGBT-Jugendlichen geändert?

Kurow: Ja. Auf der einen Seite sind LGBT-Menschen jetzt auf dem Präsentierteller. Lehrer und Eltern werden intoleranter. Auf der anderen Seite hat all das unseren Protagonisten einen Grund gegeben, sich zusammenzuschließen und Unterstützung zu erfahren.

Ihr lasst keine Homophoben oder Eltern, die ihre Kinder verstoßen haben, zu Wort kommen?

Loparew: Am Anfang hatten wir uns das überlegt, doch dann haben wir verstanden, dass Homophobie in jedem von uns steckt. Wir reden so, wenn wir uns in der Küche unterhalten. Und auf einmal bringt dich das Schicksal mit einem schwulen Jugendlichen zusammen, der die ganz offen von Mobbing in der Schule erzählt, von Verliebtheit, von seinen Eltern …

Kurow: Wir haben homophobe Reflexionen gedreht. Die Kinder erzählen doch die ganze Zeit darüber. Das reicht völlig aus.

Loparew: Ein Junge hat eine ganz einfache Phrase gesagt: „Ich würde gern mal Milonow[2] sehen, wenn er ein Kind mit diesen Problemen hätte“. Er sagte das ganz ruhig, ohne in Rage zu geraten oder beleidigt zu sein. Das ist genau die Tonart, die wir in dem Film halten wollten.

Kurow: Wir hätten gern, dass dieser Film diesen Kindern eine Stimme gibt und zeigt, dass dies nicht irgendwelche geheimnisvollen Schwulen sind.

Loparew: Für den Film benutzten wird Fotos aus der Gruppe „Kinder 404“. Die Gesichter der Kinder sind verborgen, doch man kann sie trotzdem erahnen. Und wenn Du sie dir ansiehst, dann erwischst du dich dabei, wie du überlegst, ob sie nicht einem Bekannten ähnlich sind. Die Fotos der Kinder werden durch deine Freunde, Nachbarn, Verwandten lebendig. Sie fangen an deine reele Welt zu besiedeln und du beginnst zu verstehen, dass sie irgendwo um die herum sind. Sie sind nur verborgen.

Eine traurige Frage: welche Chancen hat der Film in Russland gezeigt zu werden?

Loparew: Nur im Internet. Und bei Festivals, doch das ist ein sehr begrenztes Auditorium.

Kurow: Ich denke, in Russland wird sich auch kein Festival finden. Eines hat bereits abgesagt oder besser man hat uns von selbst sehr akkurat gefragt: „Sie werden doch wegen des Thema des Films nicht an unserem Festival teilnehmen?“. Wir haben uns entschieden, dass dieser Film so viele Menschen wie möglich in Russland erreichen muss. Darum hier im Internet und im Westen auf Festivals. Am Anfang hatten wir Angebote von großen Produktionsfirmen aus dem Westen. Doch wir haben alles abgelehnt. Wir wollten komplette Unabhängigkeit. Allerdings wissen wir natürlich, dass wenn man das will, man uns trotzdem vorwerfen wird, wir hätten uns an den Westen verkauft. Der Film ist jedoch durch Crowdfunding entstanden. Wir haben eine Internetkampagne gestartet und 244 Menschen aus verschiedenen Ländern haben für dieses Projekt gespendet.



[1] Rossija ist einer der großen staatlichen russischen Fernsehsender. Dmitrij Kiselev ist Journalist bei eben diesem Fernsehsender und fällt immer wieder durch nationalistische, fremdenfeindliche, wie auch homophobe Aussagen auf. (Anm.d.Ü.)

[2] Witalij V. Milonow ist einer der Initiatoren des Gesetzes gegen „Homopropaganda“ (Anm.d.Ü.)



Übersetzung: Quarteera e.V.
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