news‎ > ‎

Usbekistan: Leben in der Angst vor dem Strafartikel gegen Homosexualität

veröffentlicht um 26.01.2014, 22:49 von Regina Elsner
Wie das Thema häuslicher Gewalt, so bleibt auch das Thema Homosexualität ein Tabuthema der usbekischen Medien und öffentlichen Diskussion. Die Republik ist eines der wenigen Länder der Welt, in der homosexuelle Beziehungen strafrechtlich verfolgt werden. Ein usbekischer Journalist hat sich gefragt, wie die Realität unter diesen Bedingungen aussieht. Wir übersetzen Teile aus dem Artikel.

Wenn Iskander sich an das Treffen mit dem gut gebauten jungen Mann Djachongir erinnert, welches zu einem erniedrigenden Albtraum wurde, so schüttelt es ihn heute noch vor Angst und Ekel. Von Anfang an schien ihm die Bekanntschaft nicht ganz sauber. Mit bereits dünnem Haar und nicht besonders gut gebaut hat der 39jährige keine Illusionen über seine Attraktivität. Die Aufmerksamkeit des jungen Schönlings war für ihn unerwartet und angenehm. Sie lernten sich auf einem Internetportal kennen und verabredet sich schließlich zu einem Treffen in einem Taschkenter Café. Iskander war froh, dass sein Gegenüber wirklich so aussah, wie auf dem Bild, denn meistens verstecken sich Schwule hinter fremden Fotos. Djachongir war sofort bereit, mit Iskander nach Hause zu fahren, in seine Wohnung in einem Ort, wo er sein Leben lang seine sexuelle Orientierung vor allen versteckt gehalten hatte. Diese spontane Bereitschaft blendete seine sonstige Vorsicht, die er sich angewöhnt hatte. "Ich bin einfach durchgedreht," gibt er zu. 
Seine Vorsicht kehrte zurück, als sein Begleiter kurz vor der Abfahrt etwas unverständliches ins Telefon flüsterte. Er beschloss, seine Gefühl im Zaum zu halten - eine halbe Stunde, nachdem sie in seiner Wohnung waren, klopfte die Polizei, das Paar war angezogen und tat nichts, was man ihm hätte vorwerfen können.

Nach Artikel 120 des Strafgesetzbuches von Usbekistan ist Sex zwischen Männern nach wie vor strafbar, bis zu drei Jahre Haft drohen dafür. 13 ehemaligen Sowjetstaaten haben Homosexualität nach dem Ende der Sowjetunion entkriminalisiert, nur Usbekistan und Turkmenistan sind eine Ausnahme. Allerdings lenken die usbekischen Homosexuellen vor dem Hintergrund der antihomosexuellen Gesetzgebung in Russland, den Schlägereien und Übergriffen auf CSDs in der Ukraine und Georgien keine internationale Aufmerksamkeit auf sich, ihre Situation befindet sich nicht auf den ersten Seiten der westlichen Presse. 
Der Grund dafür liegt in einer recht einfachen Tatsache: Der Artikel wird äußerst selten angewendet, weil im anderen Fall Tausende usbekische Schwule oder Menschen, die sich als Schwule ausgeben, das Land verlassen würden, um im Westen politisches Asyl zu beantragen. Diese Taktik wurden durch die Rechtsorgane und durch die Taschkenter Szene bestätigt.
Allerdings wirkt sich allein die Existenz des Strafartikels als effektives Mittel für einen Zusatzverdienst der Polizei aus. "Wenn man irgendjemand ausnehmen will oder auf jemanden Druck ausüben will, dann wird dieser Artikel benutzt," erklärt ein ehemaliger Mitarbeiter der Untersuchungskommission, der heute als Anwalt arbeitet. "Die Schwuchteln werden "gemolken", Geldstrafen verhängt, mit Gutachten gedroht."

Mit dieser Gefahr wurde auch Iskander bedroht, nachdem er die Polizisten die Tür geöffnet hatte. Diese waren offensichtlich enttäuscht, dass sie die beide angezogen und friedlich bei einem Glas Konjak vorfanden. Djachondir versuchte, Angst und Verwirrung zu spielen, doch Iskander verstand, dass er mit der Miliz gemeinsame Sache machte. Die Expertise, also die Untersuchung des Anus auf sexuellen Kontakt, wird von Ärzten durchgeführt, aber für die Aufnahme eines Protokolls wird auch mindestens ein Zeuge gebraucht, wenn es nicht zum Sex kam, so doch zum Fakt, dass sich zwei Männer in einer Wohnung aufgehalten haben. Aus juristischer Sicht ist so ein Zeuge wenig wert, aber der usbekischen Justiz ist das egal, zumal die Miliz in Iskanders Fall den Ausdruck des vorherigen Emailkontaktes hatte, in dem beide offen beschrieben, was das Ziel ihres Treffens war.
Iskander schlug der Polizei vor, sich anders zu "einigen", diese nannten als Preis 3000 Dollar. Eine Summe, die Iskander nicht hatte, schließlich einigte man sich auf 1100 Dollar und einige Tausend usbekische Som. "Freunde haben mir gesagt, dass ich günstig weggekommen bin. Irgendeiner hat den Autoschlüssel abgegeben, Gold und Wertgegenstände aus der Wohnung. Denn es steht für einige die Familie, die Arbeit, der gesellschaftliche Status auf dem Spiel." Djachongir war unter seinen Bekannten bereits kein Fremder, er hatte der Taschkenter Polizei mehrfach geholfen, Schwule vorzuführen, sein Foto war unter verschiedenen Namen oft auf den einschlägigen Internetseiten zu finden.

Seit 20 Jahren ist und bleibt der Umgang mit Homosexuellen der Lackmustest für die Effektivität demokratischer Reformen und die Umsetzung persönlicher Freiheiten in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die Strafverfolgung in den beiden autoritärsten Staaten - Usbekistan und Turkmenistan - verwundert darum nicht. Die anderen zentralasiatischen Länder haben sich Ende der 90er Jahre von dem Artikel befreit. Aber auch in Tadjikistan erpresst die Polizei von Homosexuellen Geld und droht mit Veröffentlichung. 

In Kasachstan und Kirgisien gibt es kleine Inseln homosexueller Freiheit, kleine Gay-Clubs in den großen Städten. Allerdings hat sich auch hier die gesellschaftliche Meinung über Homosexualität nicht geändert und die Drohung, jemanden öffentlich zu outen, ist eines der effektivsten Mittel für Erpressung und Instrumentalisierung. So berichtet die kirgisische LGBT-Organisation Labrys regelmäßig von Vergewaltigungen und Erpressungen von Schwulen und Lesben durch die Polizei.


Übersetzung: Quarteera e.V.


Comments