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Strafanzeige wegen "Homo-Propaganda" gegen die Gründerin von "Kinder 404"

veröffentlicht um 31.01.2014, 04:32 von Regina Elsner
Straight Alliance for LGBT-Rights St. Petersburg

Prssemitteilung 31. Januar 2014

 

Strafanzeige wegen «Homo-Propaganda» gegen die Leiterin der Gruppe für LGBT-Jugendliche «Kinder 404» 

Heute wurde gegen die Initiatorin und Leiterin der Selbsthilfegruppe für LGBT-Jugendliche «Kinder 404», die Journalistin Lena Klimowa, Strafanzeige wegen angeblicher Verletzung des Verbots von «Homo-Propaganda» erlassen. Klimowa wird die Gründung einer Gruppe im sozialen Netzwerk vkontakte.ru vorgeworfen. Die Anzeige wurde erlassen von den St. Petersburger Abgeordneten Witalij Milonow.

Bereits am 17. Januar wurde Klimowa zum Verhör in die regionale Abteilung des Innenministeriums der Stadt Nischnij Tagil geladen, um sich zu den Vorwürfen des Petersburger Abgeordneten zu äußern. Dieser fordert, Klimowa zu bestrafen und das Projekt schließen zu lassen. Heute wurde Klimowa zum zweiten Mal verhört, danach wurde ein Protokoll über die administrative Strafe aufgrund des Verstoßes gegen das Verbot der «Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen» erstellt. Das Protokoll wurde von dem Bevollmächtigten der Abteilung des Fahndungsdienstes Bulanichev erstellt.

Laut dem Protokoll hat Klimowa «in der Internet-Ressource «Vkontakte» eien Seite registriert, die nichttraditionelle sexuelle Beziehungen unter Minderjährigen propagiere, in dem sie Informationen verbreite, die auf die Herausbildung von nichttraditionellen sexuellen Ausrichtungen bei Jugendlichen abzielen, die Attraktivität nichttraditioneller sexueller Beziehungen darstellen und verkürzte Vorstellungen der sozialen Gleichwertigkeit von traditionellen und nichttraditionellen sexuellen Beziehungen hervorrufen.» Darin sieht der Fahnder den Tatbestand der Verletzung des föderalen Gesetzes «Über den Schutz von Kindern vor Informationen, die ihrer Gesundheit und Entwicklung schaden zufügen» und weiterer gesetzgeberischer Akte. Nach seiner Meinung hat Klimowa das Recht entsprechend Artikel 6.21, Absatz 2 des Verwaltungsgesetzbuches der Russischen Föderation verstoßen, welches die «Propaganda von nichttraditionellen sexuellen Beziehungen» verbietet.

In der Anzeige fehlt jegliche konkrete Beschreibung des Vergehens. Die Gerichtsverhandlung soll innerhalb des kommenden Monats stattfinden.

Die Gruppe «Kinder 404» wurde im März 2013 von der Journalistin Lena Klimowa gegründet. Das Projekt entstand, nachdem Klimowa einen Artikel über die Situation von jugendlichen LGBT veröffentlicht hatte und daraufhin eine sehr große Anzahl an Briefen von betroffenen Jugendlichen erhielt. Auf den Seiten des Projekts im Internet werden Briefe dieser Jugendlichen veröffentlicht, in denen sie ihre persönlichen Erfahrungen beschreiben, ihre Geschichten, die oft sehr traurig und bitter sind, ihre Probleme, Mobbing durch Gleichaltrige und Unverständnis der Eltern. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich mehr als 1000 Briefe auf der Seite der Gruppe.

«Angesichts der allgemeinen Tendenzen wundert mich das nicht. Aber es ist äußerst schmerzlich, dass Briefe von jugendlichen Schwulen, Lesben und Trans* als Propaganda von Homosexualität unter Jugendlichen eingestuft werden. Das ist absurd! Milonow, der die Anzeige erstattet hat, hatte zwei Forderungen: mich zu bestrafen und die Gruppe zu schließen. Wenn diese Gruppe geschlossen wird, verlieren die Jugendlichen ihre einzige Möglichkeit, offen über sich zu sprechen und Ratschläge zu bekommen, die ihnen helfen zu leben. Das wäre eine Katastrophe!» sagt Lena Klimowa.

«Kinder 404» ist ein Partnerprojekt der «Straight Alliance for LGBT-Rights», wir werden es mit allen Kräften unterstützen. Im Zusammenhang mit der beginnenden Hetze gegen die Leiterin des Projekts beginnen wir eine öffentliche Kampagne zum Schutz von russischen LGBT-Jugendlichen und dem Projekt «Kinder 404». Wir rufen öffentliche Organisationen und alle Menschen guten Willens auf, sich uns anzuschließen. Wir fordern, die staatliche Hetze gegen Kinder zu unterbinden.

LGBT-Jugendliche sind in Russland – ebenso wie die Erwachsenen – per Gesetz als «sozial minderwertig» eingestuft. Jede Unterstützung von LGBT-Jugendlichen ist gesetzeswidrig, man darf ihnen nicht die Wahrheit darüber sagen, dass sie normal sind. Nun soll ihnen auch noch der Mund verboten werden – Briefe von Kindern werden als Verbrechen bezeichnet. Und das geschieht vor dem Hintergrund, dass Russland in Europa die meisten jugendlichen Selbstmorde verzeichnet. Gegen die LGBT-Jugendlichen wird durch den Staat zielgerichtet eine Hetzkampagne begonnen, welche ihr Leben bedroht und Kinder in den Selbstmord nötigt.

Mindestens jeder dritte LGBT-Jugendliche in Russland hat schon über Selbstmord nachgedacht, jeder fünfte hat es mindestens einmal bereits versucht. Das berichtet Lena Klimowa. «Die Jugendlichen nannten als Gründe für ihren Wunsch, ihr Leben zu beenden, Homophobie, physische und psychische Gewalt (darunter auch erzwungenes Outing) durch Eltern und Bekannte. Aber das wäre alles noch nicht genug. Die meisten Jugendlichen kommen auf Selbstmordgedanken aufgrund ihrer großen Einsamkeit, sie haben niemanden, mit dem sie über sich sprechen können und dem sie vertrauen können. Im Gegenzug denken diejenigen, die zuverlässige Freunde oder verständnisvolle Eltern haben, so gut wie nie über Selbstmord nach». Ihr Angaben beziehen sich auf eine Umfrage unter 293 Personen.

Seiten des Projekts «Kinder 404»:

https://vk.com/deti404_vk

https://www.facebook.com/children.404  

Kontakt Lena Klimowa

404deti@gmail.com  

Natascha Tsymbalowa, Koordinatorin «Straight Alliance for LGBT-Rights» (St. Petersburg) +79062517883

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