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Russische Proteste während der Olympia-Eröffnung brutal beendet

veröffentlicht um 09.02.2014, 00:27 von Regina Elsner
Während Massenmedien die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Sotschi loben, leiden LGBT-Aktivisten in Moskau und St. Petersburg unter Rechtlosigkeit.

Am 7. Februar wurden LGBT-Aktivisten in Moskau, St. Petersburg und anderen Städten festgenommen und festgehalten. Vier Menschenrechtsaktivisten in St. Petersburg festgenommen, weil sie vor einem Banner mit dem 6. Prinzip der Olympischen Charta für ein Foto posierten. Weitere neun Menschen wurden in Moskau festgenommen für einen Versuch, unter der Regenbogenflagge auf dem Roten Platz die Nationalhymne zu singen. Zwei Ehrenamtler des LGBT-Networks sind unter ihnen. Die festgenommenen Aktivisten wurden in einem Käfig gehalten, geschlagen und erniedrigt. Sie wurden erst zur Nacht freigelassen.

Während der russische Präsident Wladimir Putin alle Bürger aufruft, "Aggressionen" abzustellen, um "unnötigen Skandal" zu vermeiden, und die Verletzung von LGBT-Rechten in Russland dementiert, zeigt diese Behandlung der Sicherheitskräfte die wahre Situation der Menschenrechte in diesem Land.



Die Journalistin Elena Kostyuchenko, die am Protest in Moskau beteiligt war, schrieb später:

"4 Stunden lang wurde auf der Polizeistation in Moskau gegen die mit Handschellen gefesselten Rejda Linn und Nix Nemeni mit Füßen getreten, Gleb Latnik wurde mit der Faust geschlagen und an den Haaren gezerrt, Ginger wurde am Hals gewürgt. Ich bin bloß mit einem blauen Auge davongekommen: Zuerst haben die Polizisten mir vorgeschlagen, „ihre Bolzen zu blasen", danach spuckte man mir ins Gesicht.
Ach, und „verbrannt gehört ihr alle“ ist auch zur Sprache gekommen.
Keiner der Polizisten trug ein Abzeichen.
Die hatten deren Spaß. Handys wurden uns weggenommen. Die saßen da rum, schauten sich Bilder an und stöberten durch unsere privaten SMS.
Einer Anwältin wurde der Zugang zu uns verwehrt.
Und dann wurde ich schlicht und einfach rausgeworfen aus dem Revier – ohne Protokoll, ohne gar nichts. Für diejenigen, die das Protokoll doch erhalten haben, schrieb man darin „Sie haben ein Lied nach der Melodie der Hymne der Russischen Föderation mit verzerrten Worten gesungen."
Das ist nicht wahr. Wir sangen die Hymne unseres Landes. Über das "freie Vaterland" und über „Du bist einzigartig auf der Welt".
Wir haben es geschafft, die Nationalhymne ganz zum Ende zu singen".
"Und sie haben wirklich Telefone verwanzt, wirklich Mails und SMS gelesen", schrieb Kostjuschenko an andere Aktivisten. "Nutzt alternative Mittel der Kommunikation und passt auf euch auf."

Queer.de dokumentiert die Reaktion des IOC:
"Das IOC sieht kein Problem in den gestrigen Festnahmen. Gegenüber dem US-Portal Buzzfeed sagte die Pressesprecherin des Internationalen Olympischen Komitees, Emmanuelle Moreau, zu der Festnahme von 14 LGBT-Aktivisten in Moskau und St. Petersburg: "Wie in vielen Ländern der Welt braucht man in Russland eine Erlaubnis, bevor man einen Protest abhalten kann. Wir verstehen es so, dass das der Grund war, dass sie [die Aktivisten] zeitweilig inhaftiert wurden." Auch seien sie "schnell entlassen" worden.

Der genaue Mailwechsel zwischen Moreau und Buzzfeed-Redakteur J. Lester Feder wurde nicht veröffentlicht, allerdings hatte er in seinen vorherigen Berichten zu Moskau und St. Petersburg die Umstände in beiden Orten akkurat geschildert, was Moreau nicht entgangen sein kann. Unter anderem also, dass die Aktivisten in Moskau teilweise von der Polizei misshandelt wurden. Und dass die Kollegen aus St. Petersburg auf dem Weg zum eigentlichen Protest verhaftet wurden, als sie lediglich ein Foto von sich machten - ironischerweise mit einem Banner, auf dem allein die Antidiskriminierungsregelung der Olympischen Charta zitiert wurde.

Dass das, wie etwa auch das Führen einer Regenbogenflagge, als Protest aufgefasst wird, ist wohl kaum "in vielen Ländern" so. Und dass LGBT-Aktivisten sich mit Regenbogenflagge auf dem Roten Platz verhaften lassen, hat natürlich auch damit zu tun, dass ihre Proteste in der Regel nicht erlaubt werden. Usw.

Womit wohl auch klar ist, wie sich das IOC verhalten wird, sollten in Sotschi Athleten oder Zuschauer (andere Personen haben keine Gelegenheit, überhaupt in die Nähe der Stadt zu kommen) bei einem "Protest" mit Regenbogenflaggen verhaftet werden. Es rächt sich bereits, dass die Diskussionen zur Lage von LGBT und damit über Zusicherungen von Putin und IOC nur über das selten angewandte Homo-"Propaganda"-Gesetz und nicht über die Versammlungsfreiheit an sich geführt wurden."


Übersetzung: queer.de/Quarteera e.V.
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