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Kasachstan – homophobe Stimmung auf dem Vormarsch

veröffentlicht um 03.11.2013, 10:08 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 03.11.2013, 23:10 ]
LGBT-Aktivisten in Kasachstan sind besorgt, dass ihr Land dem Vorbild Russlands folgen könnte und ein gesetzliches Verbot der „Propaganda“ von Homosexualität oder gar ein Verbot homosexueller Beziehungen einführen könnte, wie es einige Abgeordnete bereits vorgeschlagen haben.

Der kasachische Präsident Nursultan Nazarbaev scheint bisher solche Beschränkungen nicht anzustreben, allerdings kommt es immer öfter zu verbalen Attacken einiger Abgeordneter, welche die LGBT-community aufhören lassen. Eine der letzten Angriffe ging von dem Abgeordneten der Regierungspartei aus, der Anfang Oktober dazu aufrief, „homosexuelle Beziehungen gesetzlich auszumerzen“ und ein dem russischen Vorbild entsprechendes Gesetz zum Verbot homosexueller Propaganda zu verabschieden. Als Begründung für solche Verbote nannte der die „nationale Mentalität“, die alte Kultur Zentralasiens, die geostrategische Lage Kasachstans, Familienwerte und demographische Gründe. Ein weiterer Regierungsabgeordneter nannte Homosexualität „amoralisch“ und rief dazu auf, ein Gesetz zu verabschieden, welches Homosexualität als „Verbrechen gegen die Menschheit“ einordnen würde.

Vor dem Hintergrund dieser und ähnlicher Anzeichen haben kasachische NGOs zum Schutz von LGBT-Rechten versucht, keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und veröffentlichten keinerlei Stellungnahmen, alle Interviewanfragen wurden abgelehnt. Einige Vertreter der LGBT-community waren jedoch bereit, anonym ihre Einschätzung mitzuteilen. „Ich denke, dass diese homophobe Rhetorik nicht akzeptabel ist. Das ist wie Faschismus. Wenn wir mit der Verfolgung einer Gruppe anfangen, dann kommt danach eine andere – Juden, dann die Ujguren...,“ sagt der Designer Roman. „Ich denke, dass der Staat sich an alle Bürger gleich wenden sollte. Er hat kein Recht, Menschen aus irgendwelchen Gründen zu diskriminieren.“

Internationale Aktivisten befürchten, dass die aggressive Rhetorik im Parlament die feindliche Einstellung zur LGBT-community in Kasachstan vertiefen könnte, die ohnehin in der konservativen, vorrangig islamisch geprägten Gesellschaft vorherrscht. „Der Versuch, die Vertreter der LGBT-community auszulöschen, indem man sie als den zentralasiatischen Traditionen und Mentalität fremd darstellt, ist das gleiche, als ob man sie als „Unmenschen“ darstellen würde,“ sagt die Spezialistin für LGBT-Rechte von Human Rights Watch Anna Kirey. „Die Annahme von diesen Gesetzen, für die sich die kasachischen Abgeordneten einsetzen, erschwert das Leben von LGBT im Land noch stärker und könnte mehr Gewalt gegen sie hervorrufen. Die Abgeordneten sollten Gesetze verabschieden, welche alle Bürger Kasachstans vor Diskriminierung schützen, auf die Verbesserung ihres Lebens abzielen, und nicht auf eine weitere Ausgrenzung.“

Die Versuche, die Informiertheit der Gesellschaft über das Leben der kasachischen community zu erhöhen, stoßen auf Antipathie. Eine symbolische lesbische Hochzeit, die im April in Karaganda gefeiert wurde und deren Bilder um die Welt gingen, brachten den Abgeordneten Sulejmenov zu der Forderung, Mechanismen gegen homosexuelle Hochzeiten als „den nationalen Traditionen fremd“ einzuführen, obwohl es in Kasachstan keinerlei Gesetze für gleichgeschlechtliche Ehen oder ähnliches gibt oder solche geplant wären.

Die immer öfter hörbaren Aufrufe, Homosexualität an sich zu verbieten, überschreiten nach Einschätzung des Vertreters der Transgender-Menschen, Alexander: „Das gibt der Diskriminierung grünes Licht“. Transgender-Menschen sind besonders bei der Änderung ihrer Ausweisdokumente durch eine schier unüberwindbare Bürokratie diskriminiert.

Die Autoren der einzigen umfassenden LGBT-Studie für Kasachstan, die 2009 durch den Fond „Soros Kasachstan“ veröffentlicht wurde, kommen zu dem Schluss, dass LGBT mit massiven Diskrminierungen, psychologischer und physischer Gewalt konfrontiert sind. „Die Studie zeigte dramatische und beunruhigende Fakten homophober und transphober Einstellungen, unter denen die Vertreter der LGBT-community leiden,“ so die Studie. „Die Menschen, die an der Umfrage teilnahmen, erzählten uns furchtbare Geschichten über physische und psychische Gewalt, unter der sie zu leiden hatten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Genderidentität.“

Laut der Umfrage unter 991 Befragten sind 81% überzeugt, dass die kasachische Gesellschaft sich „negativ“ oder „ziemlich negativ“ zu LGBT verhält. Das belegt, dass in der Gesellschaft, wo das Thema Homosexualität überwiegend ein Tabuthema ist, LGBT meistens versteckt leben und ihre Orientierung oder Identität geheim halten, um Vorurteile oder Diskriminierung zu vermeiden. Im kasachischen Internet blüht derweil die homophobe Polemik: viele Kommentatoren unterstützen die Idee eines Gesetzes gegen Homosexualität, oft werden homophobe Stimmungen verbreitet. Allerdings gibt es auch andere Stimmen, welche solche Gesetzesinitiativen kategorisch ablehnen und den Abgeordneten vorwerfen, die Verbindung zu Realität zu verlieren.

Laut den Ergebnissen der Umfrage des Soros-Fonds leiden 27% der Teilnehmenden unter homo- oder transphober Gewalt und gewaltsamen Übergriffen von Schlägen bis zu sexueller Vergewaltigung. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie solche Übergriffe nicht der Polizei gemeldet haben, da diese oft die Anzeigen nicht annahmen oder selbst homophob reagierten.

Seit der Veröffentlichung der Studie vor vier Jahren hat sich an der Situation nichts geändert, in Hinsicht auf die gesellschaftliche Stimmung hat sich die Situation sogar verschlechtert, so die Koordinatorin des Programms „Rechtsreform“ des Fonds „Soros Kasachstan“ Ajnur Schakenowa. Und Anna Kirey teilt diese Meinung: „Lesben und Bisexuelle sind von einem hohen Ausmaß an Gewalt in der Familie betroffen, sie werden zur Hochzeit mit Männern gezwungen. In einigen Fällen werden sie vergewaltigt, um sie von der Homosexualität zu „heilen“. Die Abgeordneten sollten ihre homophoben Aussagen unterlassen und sich auf den Schutz von LGBT vor Gewalt in der Familie oder auf der Straße konzentrieren.“ 

Übersetzung: Quarteera e.V.

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