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Junger Mann nach schwuler Veranstaltung in Minsk halb tot geprügelt

veröffentlicht um 24.10.2014, 03:47 von Wanja K   [ aktualisiert 25.10.2014, 14:50 von QUARTEERA.DE // QUEER auf Russisch ]

23.10.2014 

http://gazetaby.com/cont/art.php?sn_nid=84063 (Oleg Razhkov, Vorsitzender der "LGBT Belarusian Journalis Group")


Der schockierende Zwischenfall wird im Kreis der Angehörigen schon seit Monaten intensiv diskutiert. Endlich haben sich Familie und Freunde dazu durchgerungen, mit Details dieser Tragödie an die Öffentlichkeit zu treten. Ein Exklusivbericht von „Salidarnasc“.

Erstmals dringt in Belarus (Weißrussland) ein Strafverfahren über ein homophob motiviertes Hassverbrechen an die Öffentlichkeit. Michail Pischewski wurde nach einer schwulen Veranstaltung in einem Minsker Club fast zu Tode geprügelt. Der Angreifer (da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, wird sein Name nicht genannt) kannte sein Opfer nicht. Laut Zeugenaussagen wurde der junge Mann allein deshalb verprügelt, weil er eine andere sexuelle Orientierung hat.

Eltern und Freunde wollten die Geschichte nicht an die große Glocke hängen – zu groß war die Angst, von Nachbarn, Freunden und der Gesellschaft verurteilt zu werden. Ihr Schweigen brachen sie erst, als Michail einen Monat nach der Tragödie aus dem Koma erwachte und die Hoffnung aufkam, ihm zwar nicht sein altes, aber zumindest ein Leben zurückzugeben.

Privatleben


Die Fotos wurden von der Familie zur Verfügung gestellt.

Michail lebte nie offen homosexuell. Beruflich plante und baute er Landhäuser. Er kümmerte sich um alles – von den ersten Skizzen bis zum Aufstellen des Zauns. Er mochte Musik und trainierte im Fitnessstudio.

Er war Bruder, Patenonkel der beiden Kinder seiner Schwester und geliebter Sohn seiner Mutter. In sein Privatleben weihte er nur die engsten Freunde ein. Die Verwandten wussten nichts von seiner sexuellen Orientierung.

Im Gespräch mit „Salidarnasc“ erzählte Michails Mutter Walentina von seinen Zukunftsplänen: „Er war sehr zielstrebig, hat sich ein Auto gekauft und Geld für eine eigene Wohnung gespart. Er wollte mich immer überreden, mit ihm nach Thailand zu fahren: ‚Mama, hör auf zu arbeiten, du hast schon genug geleistet. Jetzt ist es Zeit, sich auszuruhen‘, sagte er.“


Es sollte ihm nicht vergönnt sein, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Nur wenige Tage nach dem Gespräch ereignete sich der Angriff auf ihn.


Der Angriff

Am Abend des 25. Mai besuchte Michail mit Freunden eine geschlossene Veranstaltung in einem Minsker Klub. Am Eingang befanden sich einige Gäste zum Rauchen. Anhand ihrer Berichte konnten wir den Tathergang rekonstruieren:

Etwa um 2 Uhr nachts näherten sich mehrere Personen dem Klub. Eine junge Frau kam aus dem Klub heraus und beschwerte sich bei diesen, dass sich niemand für sie interessiere, da die Gäste der Veranstaltung allesamt homosexuell seien.

Dies erregte augenblicklich den Unmut der jungen Männer. Sie warteten, bis die ersten Besucher den Klub verließen und begann zu rufen:

„Da laufen sie, die Schwuchteln!“

Kurz darauf kam Michail mit zwei Freunden aus dem Klub. Als er die Beleidigungen hörte, erwiderte er:

„Wer ist hier eine Schwuchtel?!“

Damit endete das Gespräch.

Ohne zu antworten, stürzte sich ein Angreifer auf den jungen Mann und begann, auf ihn einzuschlagen.

Michail konnte sich nicht schützen und stürzte durch die Schläge zu Boden. Während einer seiner Freunde ihm zu Hilfe eilte, versuchte der andere, den Angreifer zu beruhigen – woraufhin ihm ein Schlag ins Gesicht verpasst wurde.

Als die Gruppe des Angreifers erkannte, dass Michail ernsthaft verletzt wurde, flüchtete sie vom Tatort. Vom Torbogen des benachbarten Gebäudes aus beobachteten sie die Ankunft des Rettungsdienstes und der Polizei. Einer der Augenzeugen bemerkte die Gruppe in ihrem Versteck. Er nahm den Angreifer selbstständig fest und übergab ihn der Polizei.

Zwischen Leben und Tod

Die Ärzte fanden Michail Pischewski in einem kritischen Zustand vor. Sie konnten nicht feststellen, ob die subduralen Hämatome im Gehirn des jungen Mannes auf die ihm zugefügten Schläge oder den Sturz zurückzuführen waren. Sie mussten jedenfalls dringend entfernt werden.

Im Verlauf der Operation mussten die Ärzte etwa 20% des Gehirns entfernen. Michail lag einen Monat lang im Koma. Seine Überlebenschancen waren minimal.

Dennoch wachte er auf.

Nach wie vor befindet er sich in einem wachkomaähnlichen Zustand. Er reagiert auf Reflextests und atmet. Manchmal gelingt es ihm, auf Bitte der Ärzte die Hand zu bewegen oder beim Versuch zu sprechen den Mund zu öffnen. Manchmal jedoch, so sagen seine Angehörigen, bleibt er einfach hängen, оhne seine Umgebung wahrzunehmen.


Michail soll demnächst aus dem Krankenhaus entlassen werden. Nicht etwa, weil es ihm schon viel besser geht, sondern weil ihm das weißrussische Gesundheitssystem nicht mehr weiterhelfen kann.

Laut Angaben der Angehörigen gibt es in Belarus für solche Patienten keine Rehabilitationsangebote. Derzeit versuchen Mischas Freunde, seine Verlegung in eine deutsche Klinik zu organisieren.

„Er wird nie mehr der alte sein, aber seine Lebensqualität kann verbessert werden“, sagen sie.

Gerichtsverhandlung und Urteil

Am 16. Oktober verhängte ein Gericht im Zentralen Minsker Stadtbezirk das Urteil über den Angreifer nach Abschnitt 1, Artikel 339 und 155 des weißrussischen Strafgesetzbuches.

Für "Hooliganismus" setzte das Gericht eine Arreststrafe von zwei Jahren fest, obwohl das gesetzliche Strafmaß bis zu drei Jahre beträgt. Für schwere fahrlässige Körperverletzung wurden nochmals zwei Jahre hinzugefügt.

Verurteilt wurde der Angeklagte schließlich zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten mit Verbüßung in einer Strafkolonie und einer Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 100 Millionen weißrussischen Rubel (ca. 7400 Euro, Anm.d.Ü.).

Als erschwerenden Umstand betrachtete das Gericht lediglich die Alkoholisierung des Beschuldigten zum Tatzeitpunkt. Davon, dass das Verbrechen aus Hass und Intoleranz gegenüber der sexuellen Orientierung eines anderen Menschen verübt wurde, war keine Rede – trotz darauf hinweisender Zeugenaussagen und der Tatsache, dass der Angeklagte selbst während der Verhandlung keinen Hehl aus seiner Einstellung zu Homosexuellen machte.

So berichtete der beim Prozess anwesende Korrespondent von „Salidarnasc“, dass es während der Verhandlung zu einem Wortgefecht zwischen Michails Freunden und dem Angeklagten kam, wobei letzterer diese als Schwuchteln bezeichnete, die man aufspießen müsse. (Ein entsprechender Videomitschnitt liegt der Redaktion vor.)

Die Eltern des Opfers sind mit dem Urteil nicht einverstanden. Vor allem beunruhigt sie, dass der Angreifer dagegen Berufung einlegen will, um eine Strafmilderung zu erreichen. Ihrer Meinung nach sollte das Strafmaß jedoch erhöht und nicht reduziert werden. Mit ihrem Anwalt studieren sie dafür derzeit die Prozessunterlagen.

Hilfe gesucht

Michails Freunde haben eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Wenn genügend Geld zusammenkommt und die Ärzte einem Auslandstransfer zustimmen, werden die gesammelten Spenden für seine Rehabilitation verwendet.

Unterdessen bereiten sich die Angehörigen darauf vor, Michail zu Hause zu versorgen. In seinem derzeitigen Zustand braucht er ständige Pflege. Die Reinigung der Katheter für die künstliche Beatmung und Ernährung muss von einer Krankenschwester vorgenommen werden. Dazu kommen noch die Kosten für Medikamente, Verbandmaterial usw.

Alle, die Michail unterstützen wollen, finden unten die Informationen zum 

PayPal-Konto:  leo-math@hotmail.com 1

oder zum Spendenkonto1:
(Hinweis: Bitte Gebühren ihrer Bank für Auslandsüberweisungen beachten. Wir empfählen PayPal Zahlungen zu bevorzugen, um Bankgebühren zu sparen.)


Zielland: Weißrussland / Belarus
Währung: Euro

Empfänger: Bartashevich Valiantsina
Kontonummer: 000028
Verwendungszweck: For treatment Michael Pischevskiy
Bank: Belarusbank Filiale Nr. 527/527
Bankanschrift: 18, Dzerzhinski ave, Minsk, 220089, Belarus
SWIFT: AKBBBY2X

Evtl. benötigt ihrer Bank noch Korrespondenzkonto. Das wäre:
SWIFT: COBADEFF
Bank: Commerzbank AG, Frankfurt am Main
Korrespondenzkonto: 400886596600EUR





Übersetzung von Mathias Althaler für Quarteera.de


1 Das ist ein privates Konto von einem Angehörigen von Michael, so wie es uns mitgeteilt wurde. Quarteera übernimmt keine Verantwortung dafür. Ausstellen von Spendebescheinigungen ist nicht möglich.

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