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III. LGBT-Filmfestival in Tomsk

veröffentlicht um 02.07.2013, 00:34 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 02.07.2013, 00:45 ]
In der sibirischen Stadt Tomsk fand am 29. und 30. Juni das dritte LGBT-Kinofestival "Side by Side" statt. Im Rahmen des Festivals wurden 14 Filme gezeigt und zwei Diskussionen durchgeführt. Den Publikumspreis erhielt der Film "Sascha" von Regisseur Dennis Todorovic (Deutschland, 2010). Der Film erzählt die Geschichte eines Emigranten, der seine Homosexualität entdeckt. Die Eltern sind mit ihm aus Montenegro nach Deutschland ausgereist und leben nach traditionell patriarchalen Vorstellungen. Sascha verliebt sich in seinen Musiklehrer und erkennt schließlich, dass es Zeit ist erwachsen zu werden und den eigenen Weg zu wählen. Der Film ist Tragödie und Komödie und zeigt die Probleme sexueller und ethnischer Minderheiten. Bei zahlreichen Filmfestivals hat der Film bereits Preise erhalten. Der Regisseur selbst war Gast des "Side by Side" Festivals, nach der Filmvorführung kam es zu einem lebendigen Austausch der Zuschauer mit Todorovic.
Zur Preisverleihung sagte er: "Es ist für mich überaus angenehm, diesen Preis des Festivals "Side by Side" zu bekommen. Ich war froh, dass ich nach Russland kommen konnte und ich halte es für sehr wichtig, dass ich den Film selber vorstellen konnte in dieser schwierigen Phase für die russische LGBT-community."

Weiterer Gast des Festivals war Julietta Baschirowa aus Moskau. Nach dem Doku-Film "I am a woman now" des Niederländers Michiel van Erp hatten die Zuschauer die Möglichkeit, sich mit Julietta auszutauschen, die selbst mehrfach vor der Kamera stand. Julietta ist eine der ersten offenen Transsexuellen in Russland gewesen, das Gespräch mit der Sängerin, Schauspielerin und Radiomoderatorin war für alle Beteiligten eine sehr positive Erfahrung. Julietta erzählte über ihre Erfahrungen der Geschlechtsumwandlung unter den harten russischen Bedingungen, und sie steckte die Zuschauer mit ihrer Energie und ihrem unglaublichen Charme. Auf die Fragen über Transsexuelle und die Wurzeln von Transsexualität antworteten auch der Endokrinologe Felix Eduardowitsch Lazarew, der Chirurg Walerie Jakowlewitsch Mitasow und die Nowosibirsker Psychologin des Projekts PULSAR Natalija Solowjewa. Viele Fragen zu diesem Thema, die selbst innerhalb der LGBT-Community nicht besprochen werden und unklar bleiben, konnten an diesem Tag beantwortet werden und eröffneten so eine neue Seite der menschlichen Identität.

Im Rahmen des Festivals wurde außerdem die russisch-deutsche Fotoausstellung "Nach Russland mit Liebe!" gezeigt. Das Fotoprojekt zeigt gleichgeschlechtliche Paare und Familien aus Deutschland. Die Ausstellung wurde mit großem Interesse wahrgenommen, in allen Pausen wurden die Begleittexte gelesen und die schönen Menschen bewundert: schöne Gesichter, Liebesgeschichten, gewohnte und allen zugängliche Werte in "ungewöhnlichen" Familien. All das inspirierte und schenkt eine Gefühl von Wärme und Hoffnung, dass ein harmonisches Zusammensein von Menschen gleichen Geschlechts möglich ist.
Die Organisatoren des Kinofestivals kommentierten am Ende des Festivals: "Wir sind stolz darauf, dass es uns selbst unter den Bedingungen der homophoben Stimmung, die von Gesetzen und politischen Statements angeheizt wird, wo LGBT-Aktivisten angegriffen werden und die Polizei tatenlos bleibt, wo der Mord an Schwulen mit der "Verletzung patriotischer Gefühle" begründet wird, dennoch gelungen ist, einen kulturellen Raum zu bewahren und zu erweitern, in dem wir LGBT-Themen und die Überwindung von Homo- und Transphobie besprechen können."

Das LGBT-Filmfestival "Side by Side" wurde am 6. Juni von einem Petersburger Gericht als "ausländischer Agent" verurteilt und zu einer Strafe von ca. 12.000 Euro verpflichtet. Die Organisatoren werden das Urteil anfechten. Der Teddy e.V., Partner von "Side by Side", hat eine SMS-Spendenaktion gestartet, um das Festival vor dem finanziellen Aus zu bewahren.  

Übersetzung: Quarteera e.V.
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