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Gerichtsprozess im Mordfall Vlad Tornowoj hinter verschlossenen Türen

veröffentlicht um 13.12.2013, 14:45 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 13.12.2013, 14:46 ]
Im Wolgograder Bezirksgericht wird zur Zeit hinter verschlossenen Türen der Prozess gegen die Mörder von Vlad Tornowoj geführt. Der Prozess ist nicht öffentlich, da "Umstände des persönlichen Lebens des Ermordeten besprochen" werden. Die Angeklagten hatten zuvor behauptet, Vlad hätte zugegeben, dass er schwul ist, und das sei der Grund für den Mord gewesen.

Rückblick: In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai wurde in Wolgograd der 23jährige Vlad Tornowoj grausam ermordet. Die vier Beteiligten - Vlad Tornowoj, sein bester Freund Aleksej Burkow und ihre Bekannten Anton Smolin und Pavel Semitin - wohnte in einem Quartal und tranken am 9.5. gemeinsam Bier im Hof. Nach den Angaben der Untersuchungskommission erklärte Wlad seinen Freunden seine nichttraditionelle sexuelle Orientierung. "Ich nahm eine Flasche und habe sie mit dem Flaschenhals in den Analöffnung gesteckt, Lecha hat mit dem Fuß nachgetreten, so dass sie fast vollständig reinging," erzählt der 27jährige Smolin während der Nachstellung bei der Untersuchung. Die Aufzeichnung dieser Nachstellung wurde im Fernsehen gezeigt und später bei youtube eingestellt. Auf die Frage, warum Anton Smolin so handelte, antwortete dieser: "Weil er gesagt hat, dass er schwul ist." "Gegen Ende nahm Smolin einen 21 kg schweren Stein und hat ihn sechs mal auf den Kopf des Opfers geschlagen," erklärte der zuständige Untersuchungskommissar Basma Giljandikow den Medien.

Im Gegensatz zum Mord selbst, der eine große Welle öffentlicher Aufmerksamkeit nach sich zog - Gruppen in sozialen Netzwerken, Aktionen zum Gedenken an das Opfer, - verläuft der Gerichtsprozess unbemerkt: die Familie von Vlad Tornowoj ignoriert den Prozess, es gibt keine Presseerklärungen, die Anwälte verweigern jegliche Kommentare. Die Familie von Tornowoj zeigte sich beleidigt durch die Tatsache, dass Elton John sein Konzert in Moskau am 6. Dezember Vlad gewidmet hatte. Auf dem Konzert hatte sich der Sänger an das Publikum gewandt und erklärt, er hätte mit Trauer von dem Gesetz in Russland erfahren, welches er als "Anti-Homosexuellen-Gesetz" bezeichnete.

Die Mutter von Vlad Tornowoj ist sich sicher, dass ihr Sohn nicht schwul war, die Täter würden im Prozess darauf verwiesen haben, weil sie auf eine Milderung des Urteils deswegen hoffen würden. Der Vater des Opfers ist sich sicher, dass der vorbestrafte Aleksej Burkov vielleicht "selbst so ein Verkommener" sei. Ein Klassenkamerad von Vlad Tornowoj erkläre dem Korrespondenten von Radio Svoboda, dass Vlad "schlecht gescherzt" hätte. Die Großmutter betont, dass ihr Enkel Freundinnen hatte und er "nicht so einer war". 
Ob Vlad Tornowoj wirklich schwul war, wird man nicht mehr herausfinden. Der Mord hat Wolgograd aufgerüttelt, aber es gab auch Reaktionen wie "Wollt ihr Schwule rechtfertigen?". In dieser Atmosphäre ist es für die Familie von Vlad Tornowoj das wichtigste, die "Ehre der Familie zu verteidigen."

Der Vater von Vlad Tornowoj arbeitet im Schichtbetrieb im Norden Russlands. Er kam direkt nach dem Mord nach Hause und fuhr zu dem Mitarbeiter des Untersuchungskomitees, der zuvor im Fernsehen die Version verbreitet hatte, dass der Mord aufgrund von Homophobie erfolgt war. "Ich habe ihm erklärt: Freundchen, mach keine Scherze mit mir. Ihr erklärt wegen der Worte irgendwelcher Idioten dem ganzen Land, dass die einen Schwulen ermordet haben. Ich raste gleich aus und greife zu extremen Methoden. Sei froh, dass wir nicht mehr in den 90ern sind." So erzählte Andrej Tornowoj das Gespräch gegenüber Journalisten von The New Times. Nach Angaben der Kollegen des Untersuchungskommissars meldete sich dieser nach dem Gespräch krank. Andrej Tronowoj ist nun wieder im Norden, die Telefone der Untersuchungsmitarbeiter sind abgeschaltet.

Vald Tornowoj war kein offener Schwuler, offiziell war er in keinen LGBT-Gruppen. 
In Russland verstecken LGBT-Vertreter oft ihre sexuelle Orientierung selbst vor den nächsten Menschen, sie denken, es sei eine große Schande, und die Familie wird sich von ihnen abwenden. Wie der Administrator der Gruppe "Gedenken an Vlad Tornowoj - ermordet wegen Verdacht auf Homosexualität" im sozialen Netzwerk "vKontakte" erzählt, hat er über 200 Nachrichten von Menschen von Vlad bekommen, die behaupten, sie wären Klassenkameraden von Vlad und wüssten, dass er "nicht so einer war."

Menschenrechtsverteidiger von Human Rights Watch haben im Mai die russische Regierung aufgerufen, die Motive des Mordes zu klären. Das sagte der Direktor von Human Rights Watch für Europa und Zentralasien Hugh Williamson in einer Erklärung. Nach seiner Meinung ist die Untersuchungskommission verpflichtet herauszufinden, ob Vlad Tornowoj ermordet wurde, weil er seine Homosexualität nicht versteckt hat, oder weil seine Mörder ihn für schwul hielten. In der Erklärung werden auch die juristischen Verpflichtungen Russlands erwähnt, dementsprechend Russland Hassverbrechen bestrafen und verhindern muss.

Der Pressesprecher des Wolgograder Bezirksgerichts Wladimir Schevchenko erklärte, dass der Gerichtsprozess bereits seit mehr als einer Woche hinter verschlossenen Türen stattfindet, Grund sind die Klärung persönlicher Lebensumstände des Opfers. Auf der letzten Verhandlung entschied das Gericht, die drei Angeklagten zur psychiatrischen Expertise zu schicken, das Verfahren wird nach Eingang des Gutachtens fortgesetzt. Nach Angaben des Pressesprechers werden die Teilnehmer des Verfahrens, Anwälte und Staatsanwaltschaft, den Fall nicht kommentieren.

Wie konnten so nahe Freunde Vlad Tronowojs einen so grausamen Mord begehen?

Der Nutzer von "vKontakte" Anton Afonin schlägt seine Version vor: "Die Psychiater werden irgendwas feststellen, z.B. dass sie im Moment der Handlung im umzurechenbaren Zustand waren und deshalb nicht verantwortlich sind für ihre Taten. Und im umzurechenbaren Zustand waren sie infolge eines Schocks, darüber, dass Vlad ihnen erzählte dass er schwul ist, und sie haben von dieser Neuigkeit nur verstanden, dass sie jetzt auch "angewichst" sind - in ihrer Verbrechersprache und in ihrem Verbrecherverständnis heißt das, dass sie auch "verkommen" sind, weil sie mit einem Schwulen Kontakt hatten. Das kann sie wirklich so schockiert haben, dass sie so eine Nachricht über sich selbst erfuhren."
Die Antwort von Konstantin Trofimov: 
"Wie, die Expertise kann sie entlasten? Ein Affekt kann nicht bei zwei oder mehr Personen gleichzeitig eintreten. Selbst wenn er eintrat - ein langsamer Mord mit Erniedrigungen kann auf keinen Fall die Folge von einem Affekt sein. Die Expertise könnte dafür angefordert worden sein, damit das Gutachten zeigt, dass sie im Moment der Handlung zurechnungsfähig waren und ihre Handlung genau verstanden."
Übersetzung: Quarteera e.V.
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