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Für und gegen den Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi

veröffentlicht um 28.07.2013, 22:41 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 28.07.2013, 22:41 ]
Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in der russischen Stadt Sotschi mehren sich Diskussionen um eine angemessene Reaktion der internationalen Gemeinschaft angesichts der homophoben Gesetzgebung im Land.
Die "Human Rights Campaign" forderte den Fernsehsender NBC Universal dazu auf, die Übertragung der Olympischen Spiele statt mit Werbung mit Kurzfilmen über die Lage von LGBT in Russland zu unterbrechen. "Die verabschiedeten Gesetze zwingen Millionen von Schwulen und Lesben in Russland in einer ständigen Angst vor Verhaftungen zu leben. Das "Gesetz Misulinas" bedroht die Durchführung der Olympischen Spiele. Sportler, Fans und Trainer, die zur LGBT-Gemeinschaft zählen, erwarten ernstzunehmende Probleme: für das Enthüllen einer Regenbogenfahne können sie verhaftet werden." heißt es in dem Anschreiben von HRC.
Der amerikanische Sender NBC Universal verfügt über die exklusiven Übertragungsrechte für die Olympiade 2014. Nach Meinung von HRC dürfen die Journalisten das "unmenschliche Gesetz" nicht verschweigen. NBC Universal reagierte auf die Sorgen der Menschenrechtler: "Der Kern der Olympischen Spiele ist die Vereinigung von Menschen und Ländern durch den Sport. Wir hoffen, dass genau diese Idee am Ende siegen wird." Ob es zur Herstellung entsprechender Kurzfilme über die Lage von LGBT in Russland kommen wird, wird jedoch nicht erwähnt, aber der Sender versprach, Möglichkeiten zu finden um den Zuschauer die Idee der Toleranz gegenüber LGBT im Rahmen der Olympiade näher zu bringen.

Unterdessen äußern sich Sportler über ihren geplanten Umgang mit der homophoben Stimmung im Land der Olympiade. Der amerikanische Eiskunstläufer Johnny Weir rief auf seinem Blog dazu auf, die Olympischen Spiele nicht zu boykottieren. Gleichzeitig betonte er seine volle Solidarität mit den russischen LGBT. Allerdings könne man mit einem Boykott nicht helfen, denkt der Sportler. Nach seiner Meinung würden unter einem Boykott vor allem die Sportler leiden, die ihr ganzes Leben für die Teilnahme gekämpft haben und im Falle eines Boykotts alle Hoffnungen verlieren würden. Der Sportler erinnert sich dabei an seine ersten Teilnahme an den Spielen, bei der seine Eltern das Auto verkaufen mussten, um mit ihm nach Turin zu reisen
Weir erinnert an den einzigen Boykott einer Olympiade durch die USA im Jahr 1980 in Moskau, als die UdSSR den Afghanistan-Krieg führte. Die sowjetische Regierung hätte durch den Boykott nur gewonnen, da alle Wettbewerbe dennoch stattfanden und die sowjetischen Athleten ohne den starken Konkurrenten 80 goldene Medaillen erkämpften.
Er nennt die in Russland verabschiedeten homophoben Gesetze einen "Hohn mit internationalem Ausmaß": "Die Tatsache, dass Russland Vertreter meiner community verhaftet, offen Minderheiten hasst und überall die Menschenrechte verletzt, ist herzzerreißend. Ich schätze die LGBT-Gemeinschaft von ganzem Herzen, aber ich flehe die Welt an, die Spiele nicht zu boykottieren wegen der LGBT-Politik Russlands. Ich bitte die schwulen Sportler ihre Mission nicht zu vergessen und für ihre Chance zu kämpfen. Ich bete darum, dass die Menschen der olympischen Bewegung glauben unabhängig davon, wo die Spiele stattfinden, denn Olympia ist Geschichte, Olympia vertritt kein Gastgeberland, es vertritt die ganze Welt."
Johnny Weit vollzog 2011 sein Coming Out und heiratete wenige Monate später seinen Partner, Viktor Voronov, einen Anwalt mit russisch-jüdischen Wurzeln.

Der Neuseeländer Blake Skjellerup, Shorttracker und offener schwuler Sportler, hatte angekündigt, mit einem Regenbogenbutton anzutreten.

Russland hat gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee erklärt, dass die homophoben Gesetze die ausländischen Sportler nicht betreffen wird und sie keine Angst deswegen haben müssen. Das IOC erklärte, es habe "eine Garantie von höchster Ebene bekommen", dass die Teilnehmer und Gäste der Olympischen Spiele "befreit sein werden von der Verantwortung vor dem Gesetz, welches gegen "Propaganda von Homosexualität" gerichtet ist." Diese Erklärung ist auf der einen Seite ein weiterer Schlag gegen die russischen LGBT, welcher die Doppelmoral zum Ausdruck bringt: um sich vor der ganzen Welt nicht zu blamieren, gibt die Regierung den Ausländern eine Garantie, während die eigenen Bürger weiter diskriminiert und erniedrigt werden. Andererseits können die Sportler, die eine solche Zusage bekommen haben, nun offensiver angesprochen werden, um ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen und offen über die Gleichwertigkeit von Homosexualität und die Unzulässigkeit von Diskriminierung zu sprechen.

Der Autor des homophoben Gesetzes in St. Petersburg, Vitali Milonow, äußerte sich am Sonntag allerdings skeptisch: "Eine solche Zusage an das IOC kann die Regierung nicht machen, das muss das Parlament entscheiden, was es wohl kaum tun wird." Er ist sich sicher, dass auch Sportler, die offen ihre Homosexualität "propagieren", von Strafen und Ausweisung betroffen sein werden.

Nikolaj Alekseev, Organisator der "Moscow-Pride" und erstes Opfer des homophoben Gesetzes in St. Petersburg, sprach sich gegen einen Boykott der Olympiade aus. Dies helfe den Menschen nicht weiter. Statt dessen kündigte er eine Pride-Parade für den 7. Februar an und forderte, den Initiatoren des Gesetzes eine Einreise in die USA und andere Länder zu verbieten. Die Wodka-Marke "Stolichnaja", welche sich öffentlich solidarisch mit LGBT in Russland erklärt hatte, forderte er auf, die Olympischen Spiele zu sponsorn.

Übersetzung: Quarteera e.V.
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