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Zehn Tage „Fest der Toleranz“

veröffentlicht um 05.10.2012, 02:01 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 05.10.2012, 02:11 ]
Quarteera e.V. (05. Oktober 2012): Am vergangenen Samstag (29. September 2012) endete das „Queer-Culture-Festival“ in St. Petersburg (www.queerfest.ru). Das Festival wurde zum vierten Mal von der Petersburger LGBTI-Organisation „Coming Out“ und weiteren Partnerorganisationen veranstaltet und hatte sich zum Ziel gesetzt, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Diskriminierung von LGBTI durch Konzerte, Ausstellungen, Seminare und Diskussionen zu lenken. Das Festival wurde durch ein Konzert der früheren Leadsängerin von Tatu, Lena Katina beendet, die das Publikum dazu aufrief, sich nicht für die eigenen Gefühle zu schämen, sondern man selbst zu sein. Bereits im Vorfeld hatte sie ihre Unterstützung der LGBTI-Community in Russland ausgesprochen. Die Sichtbarkeit von Stars und öffentlichen Personen in Unterstützung der LGBTI-Community ist für eine positive Wahrnehmung wichtig, besonders in der stark homophoben russischen Gesellschaft, die in weiten Kreisen nach wie vor Homosexualität für eine Krankheit hält. Erst zu Beginn des Jahres wurde in St. Petersburg das Gesetz gegen die „Propaganda von Homosexualität“ unter Minderjährigen erlassen und seit dem bereits mehrfach gegen öffentliche Auftritte von LGBTI-Aktivisten eingesetzt.

Die Eröffnungsveranstaltung des Festivals wurde von fast 200 Personen besucht, darunter Vertreter und Vertreterinnen der internationalen Diplomatie, europäischer kultureller Institutionen, russischer und europäischer Menschenrechtsorganisationen und der Zivilgesellschaft. Die Teilnehmenden zeigten die große internationale Solidarität mit LGBTI in Russland im Kontext der vergangenen Ereignisse. Der flämische Minister für Jugend, Bildung und Gleichberechtigung Pascla Smet eröffnete ein Seminar über Transgender und unterstrich die Bedeutung der Aufklärungs- und Informationsarbeit unter minderjährigen LGBTI, die oft nicht verstehen, was mit ihnen passiert. Njamko Sabuni, schwedische Ministerin für Integration und Gender-Gleichstellung, eröffnete die Ausstellung „Paragraph 1“ über die Geschichte der LGBTI-Bewegung und wünschte dem Festival viel Erfolg.

Das Festival feiert Verschiedenheit, Toleranz und den Respekt vor den Rechten jedes Menschen – Rechte, die für viele als garantiert gelten, in Russland jedoch zum Objekt politischer Willkür werden. Das „Queer-Culture-Festival“ ist gerade deshalb nicht nur ein Anlass, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Diskriminierung zu erhöhen, sondern auch Raum zu bieten für jeden und jede, in einem geschützten Raum man selbst sein zu dürfen.

Im Laufe von 10 Tagen wurden zahlreiche Workshops durchgeführt, etwa zu Themen der internationalen Unterstützung von LGBTI-Rechten. Sie wurden begleitet von Foto-Ausstellungen bekannter internationaler Künstler, u.a. dem spanischen Fotographen Diego Verges. Die Installation „The Art of Being Yourself“ von Ksenia Khabrykh zeigte in kurzen Videos verschiedene Ebenen des Kampfes der LGBTI-Community in St. Petersburg gegen Diskriminierung. Auf einer persönlichen Ebene erzählten Aktivisten von ihren eigenen Erfahrungen, auf einer anderen Ebene berichten sie vom Kampf gegen das „Propaganda-Gesetz“ und seine teilweise absurden Konsequenzen, wie etwa die Verhaftung von Menschenrechtsaktivisten für das Hochhalten von Plakaten mit dem Aufruf zur Toleranz. Die Video-Installation „State of Mind“ der Schwedischen Künstlerinnen Anna Viola Hallberg und Annica Karlsson Rixon war ein weiteres Highlight. Sie zeigte persönliche Geschichten und gab LGBTI die Möglichkeit, ihre eigene Realität zu definieren – eine Möglichkeit, die ihnen sonst in der Öffentlichkeit verwehrt bleibt, besonders in Russland. Weitere Wege, kreativ alternative Ausdrucksformen zu nutzen, bot ein Workshop zu Comics als Instrument, das Thema Diskriminierung öffentlich zu machen.

Das Festival konnte bereits zum vierten Mal durchgeführt werden und wird damit zu einer jährlichen Tradition. Allein die Tatsache, dass das diesjährige Festival unter den Bedingungen des „Propaganda-Gesetzes“ veranstaltet werden konnte, ist ein beeindruckendes Ereignis. Es ist das erste Festival, bei dem in allen Veranstaltungsorten und bei den zentralen Konzerten die Regenbogenfahne hing – eine Kleinigkeit unter anderen Umständen, in Petersburg wurden jedoch allein am 1. Mai 17 Aktivisten für das Tragen von Regenbogenfahnen verhaftet. „Coming Out“ hatte außerdem eine Grußbotschaft zum Festival von dem Ombudsmann für Menschenrechte in St. Petersburg Alexander Shishlov erhalten – zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals. Dies alles soll jedoch die Tragweite des Gesetzes nicht marginalisieren. „Coming Out“ ist überzeugt, dass diese große Präsenz internationaler hochrangiger Vertreter und Vertreterinnen, etwa des Schwedischen Gender-Gleichstellungs-Ministers, zur ungestörten Durchführung des Festivals beigetragen hat. Aber auch das anhaltende Bemühen der LGBTI-Community, gegen die Konsequenzen des homophoben Gesetzes vorzugehen, hat einen großen Beitrag zur Ermöglichung solcher Veranstaltungen geleistet.

In gewissem Sinne haben die „Propaganda-Gesetze“ die Gemeinschaft auch gestärkt, da sich mehr Menschen dem Kampf für LGBTI-Rechte angeschlossen haben. So gründete sich in St. Petersburg eine „Allianz Heterosexueller für LGBTI“, die mit eigenen Aktionen und durch aktive Teilnahme den Kampf gegen Diskriminierung unterstützt. Auch die öffentliche Diskussion sei differenzierter geworden, obwohl es aufgrund der Gesetze nach wie vor zu Diskriminierungen kommt. „Coming Out“ nutze das Gesetz, um auf dem Festival über Diskriminierungen zu informieren: Am Eingang zu allen Ausstellungen und in den Informations-Broschüren gab es einen Flyer mit der Aufschrift „+18“, welcher die Gründe und Formen der Menschenrechtsverletzungen gegen LGBTI erläuterte. Aufgrund des Gesetzes durfte das Festival nur über soziale Netzwerke beworben werden.

http://queerfest.ru/

http://civilrightsdefenders.posterous.com/ten-days-celebration-of-diversity-and-toleran

http://observers.france24.com/content/20121004-russia-saint-petersburg-holds-queer-fest-2012-despite-anti-gay-law-banning-homosexual-propaganda

http://queerfest.ru/news/blog_en.php

Übersetzung: Quarteera e.V.

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