news‎ > ‎

Erste Umfrage zur Situation von LGBT-Familien in Russland

veröffentlicht um 27.03.2014, 09:16 von Regina Elsner
Mehr als die Hälfte der homosexuellen Familien in Russland ziehen Kinder auf, die durch reproduktive Techniken gezeugt wurden. Das stellt die erste russische Untersuchung von gleichgeschlechtlichen Familien in Russland fest. Bedeutend ist vor allem das Ergebnis, dass die Hälfte der befragten Eltern keine offenen Aussagen zu ihrer sexuellen Orientierung mehr machen, seit Gesetze, die ihre Rechte einschränken, erlassen wurden. 


Die St. Petersburger LGBT-Organisation „Coming Out“ hatte eine Untersuchung über die Bedürfnisse gleichgeschlechtlicher Familien mit Kindern in Russland durchgeführt. An der Online-Umfrage nahmen 98 Personen aus 22 Städten Russlands teil. Die meisten Teilnehmer waren Frauen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Außerdem kamen die meisten Teilnehmer aus St. Petersburg und Moskau. 95% der Befragten lebt mit Kindern, 5% planen Eltern zu werden. 55% der Befragten haben 1 Kind, bei 24% wachsen zwei Kinder auf, bei 12% drei Kinder, sowie mehr als drei Kinder bei 2% der Befragten.

In den meisten Familien wachsen leibliche Kinder auf (90%). Nur bei 10% handelt es sich um adoptierte Kinder oder Pflegekinder. In 36% der Familien wurden die Kinder in einer vorhergehenden heterosexuellen Ehe geboren, in 54% nutzten die Eltern reproduktive Technologien für die Zeugung.

Wenn die Kinder mit Hilfe von reproduktiven Methoden gezeugt wurden, so war es in den meisten Fällen eine künstliche Befruchtung zu Hause oder in einer Klinik. Nur 4% der Befragten nutzten die Methode der IVF. Bei der Befruchtung wurden meistens Spendersamen von einer Samenbank oder von Freunden oder Bekannten genutzt. In 44% der Fälle wissen die Samenspender nichts von der Existenz eines Kindes, in 23% der Fälle nehmen die Väter aktiv am Leben des Kindes als Vater teil, meistens als „Wochenend-Vater“.

In den gleichgeschlechtlichen russischen Familien beteiligen sich beide Mütter aktiv an der Erziehung der Kinder (94%). Daneben nehmen viele Omas und Opas an der Erziehung ihrer Enkel teil (75%), außerdem unterstützen Freunde (35%) und Taufpaten (11%) das Aufziehen der Kinder.

„Coming Out“ befragte die Teilnehmer auch, ob sie ihre sexuelle Orientierung offen leben oder sie verstecken. Mehr als die Hälfte der Befragten (67%) verstecken ihre sexuelle Orientierung teilweise, 30% verschweigen sie vollständig. Nur 3% der Befragten antworteten, dass sie sich vollständig offen als gleichgeschlechtliche Familie in der Öffentlichkeit zeigen.

Allerdings zeigte sich, dass die Hälfte der Befragten erst nach der Verabschiedung des Gesetzes über die sogenannte „Propaganda von Homosexualität“ und dem Beginn der öffentlichen Hetzjagd auf Schwule und Lesben zurückhaltender beim coming out wurden. Wie die Teilnehmer betonten, erfahren sie den größten gesellschaftlichen Druck durch die Annahme, ihre Familie sei illegitim, und durch die erhöhte gesellschaftliche Aufmerksamkeit für ihre sexuelle Orientierung. Nur 2% der Befragte hatten physische Gewalt erlebt.

Interessant ist außerdem, dass nur 12% der Kinder in gleichgeschlechtlichen Familien eine indirekte Diskriminierung spürten. In den meisten Fällen beträfe das das Aufzwingen einer heterosexuellen Norm. Die meisten Eltern gaben an, dass ihre Kinder nicht diskriminiert würden.

Nach Angaben der Koordinatorin der Organisation „Coming Out“ Sasha Semenowa sind zwei Ergebnisse der Umfrage überraschend. Zum einen verwundert, dass so viele gleichgeschlechtliche Familien adoptierte oder Pflegekinder aufziehen. Dies kann man als Zeichen für die recht hohe soziale Verantwortung von LGBT-Familien sehen. Zum zweiten stellte sich heraus, dass viele LGBT-Familien im „orthodoxen Diskurs“ leben und die entsprechenden Traditionen akzeptieren. Unter anderen haben viele Kinder Taufpaten, die bei der Erziehung unterstützen.

„Wir haben nicht erwartet, dass überhaupt solche Leute dabei sind. Entweder sagen sie bei der Taufe nicht, dass das Kind in einer gleichgeschlechtlichen Familie aufwächst, oder sie finden Priester, die dafür offen sind,“ so Semenowa.

Insgesamt antworteten die Teilnehmer auf 30 Fragen, die alle das Leben gleichgeschlechtlicher Familien in Russland betrafen. Es wurde sowohl die Beziehung der Familien zu ihrem direkten Umfeld und ihre Situation in der russischen Gesellschaft als auch ihre Reaktion auf die kürzlich erlassenen Gesetze thematisiert. „Die Situation rund um die homosexuelle community in Russland bleibt angespannt, gleichgeschlechtliche Familien gelten nicht nur als illegitime Familienform, sondern seit kurzem kommen sie auch für die Erziehung von Kindern nicht in Frage,“ heißt es in der Auswertung der Umfrage. Die befragten Familien wurden durch persönliche Einladung in sozialen Netzwerken gefunden.

„Coming Out“ arbeitet seit 2009 mit gleichgeschlechtlichen Familien. „Es war wichtig für uns, Informationen zu bekommen, an denen wir uns für unsere Advocacy-Arbeit orientieren können. Die Auswahl ist sehr repräsentativ, 98 LGBT-Eltern – das ist eine große Zahl. Obwohl man natürlich einschränken muss, dass unsere Umfrage in erster Linie relativ offene Familien zeigt, also die zu unseren Veranstaltungen kommen und sich selbst als LGBT identifizieren,“ erklärt Sasha Semenowa. „Coming Out“ wird sich auf die gesammelten Informationen auch bei zukünftigen Treffen mit Vertretern der Stadt St. Petersburg und dem Parlament berufen. „Für die meisten Leute, die Gesetze erlassen haben, welche die Interessen von LGBT betreffen, ist es eine große Überraschung, dass es solche Familien überhaupt gibt,“ ergänzt sie.

Sasha Semenowa selbst hat eine typische LGBT-Familie. „Wie sind zwei Frauen, zwischen 25 und 35, und haben ein Kind. Es ist ein adoptiertes Kind. Wir haben keinerlei Hilfe oder Unterstützung von Verwandten: ein Teil lebt zu weit weg, die anderen erkennen uns nicht als Familie an und wollen uns nicht unterstützen.“ Nach Aussage von Semenowa gibt es in Russland bisher keine Gesetze, die eine Adoption durch gleichgeschlechtliche Familien verbieten. Allerdings geben diese Familien im Adoptionsprozess auch nicht an, dass sie homosexuell sind. Sasha kennt nur einen Fall, wo das anders war, und diese Familie wurde bereits ganz am Anfang des Adoptionsprozesses abgelehnt. Deswegen werden Adoptionen meistens von nur einem „alleinerziehenden“ Elternteil vollzogen.

Gleichgeschlechtliche Eltern berichten von ständigen Behinderungen im alltäglichen Leben. In erster Linie hängt das damit zusammen, dass die gesamte Verantwortung für das Kind ausschließlich auf der biologischen Mutter liegt, da das zweite Elternteil keinerlei Rechte im Bezug auf das Kind hat. „Man kann dem Co-Elternteil jederzeit sagen: Du bist hier niemand. Das zweite Elternteil gibt es für die Gesellschaft nicht und es hat keine Rechte im Bezug auf das Kind. Einen großen Teil der Arbeit im Zusammenhang mit staatlichen, städtischen, medizinischen Einrichtungen trägt darum immer die biologische Mutter allein. Das ist physisch und psychisch sehr schwer,“ kommentiert Sasha Semenowa.

Außerdem, so berichtet sie, muss man ständig darauf achten, was man sagt. „Wir bemühen uns, unser Kind offen zu erziehen. Die zweite Mutter ist keine „Tante“, keine „Freundin“, sondern auch Mutter. Aber sobald wir aus der Wohnungstür gehen, müssen wir anfangen genau nachzudenken: hier sage ich es, hier schweige ich lieber, hier tue ich so, als ob ich nichts gehört habe, und hier ist es am wichtigsten, dass das Kind nichts hört. Man hat das Gefühl, dass man ständig riskiert, nicht nur, dass man etwas nicht korrekt sagt und das Kind es hören könnte. Seit das Gesetz zum Verbot der Homo-Propaganda erlassen ist, kann auch jeder behaupten, dass das Gesetz auf seiner Seite ist und deshalb einen Skandal machen, der für uns Folgen hat.“

Als das Kind von Sasha Semenowa und ihrer Partnerin in den Kindergarten kam, gab es das Gesetz noch nicht. Die Psychologin im Kindergarten wusste, dass das Kind in einer gleichgeschlechtlichen Familie aufwächst. Deshalb antwortete sie auf alle entsprechenden Fragen, die bei den Erziehern auftauchten. In der Schule haben sie sich bis jetzt nicht geoutet, weil es bisher nicht wichtig war, wer das Kind von der Schule abholt. „Ich habe das Gefühl, dass der zweite Elternteil, der nicht in den Papieren steht, als Kindermädchen oder Freundin der Mutter wahrgenommen wird. Aber irgendwann werden Fragen kommen, und wir haben bisher nicht entschieden, wie wir darauf antworten werden. Bis jetzt ist nicht klar, wie sich das Ganze in Zukunft entwickeln wird, denn das Gesetz zum Sorgerechtsentzug bei gleichgeschlechtlichen Eltern ist bisher nicht verabschiedet, es wurde zur Überarbeitung vertagt.“ erklärt Semenowa. Allerdings wird die Frage, wann sie in der Schule erklären, dass sie eine gleichgeschlechtliche Familie sind, auf jeden Fall zu klären sein. „Man muss die Anwesenheit des zweiten Elternteils immer erklären. Irgendjemand von den Lehrern fängt an, das Kind zu verbessern: Sag Tante, und nicht Mama. Aber warum soll er sie so nennen, wenn es doch seine Mama ist?“

LGBT-Familien werden ständig mit Problemen konfrontiert. Von zwei Fällen berichten die Mitarbeiter von „Coming Out“. In dem einen Fall hatte eine Mutter der Polizei berichtet, dass ein Elternteil eines Kindes aus dem Kindergarten ihres Kindes ein Transgender sei. Es wurde lange geklärt, was das denn für eine Familie sei. Wie das ausgehen wird, kann man noch nicht sagen, darum kümmert sich nun ein Jurist und sie wollen niemanden davon erzählen. In einer zweiten Familie ist vor kurzem die biologische Mutter des Kindes verstorben. Die zweite Mutter, die das Kind von Geburt an großzieht, hat keinerlei Rechte. Deswegen muss das Kind nun zu seinem biologischen Vater, der es nie gesehen hat und sich auch nicht über sein Kind freut. „Aber er ist mit der Haltung aufgetreten „Ich werde mein Kind niemandem geben.““ berichtet Semenowa. 


Übersetzung: Quarteera e.V,

Comments