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Erstes russisches Buch über "ungewöhnliche" Familien

veröffentlicht um 27.02.2013, 22:13 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 28.02.2013, 08:48 ]
In St. Petersburg ist das Buch "(Un)gewöhnliche Familien um mich herum" erschienen - die erste Veröffentlichung in Russland, in denen Kindern über verschiedene nichttraditionelle Familienformen - alleinerziehende Eltern, Adoptivkinder, gleichgeschlechtliche Eltern - erzählt wird. Bei der Umfrage in dem populären Eltern-Forum "LittleOne" gaben mehr als 40% an, dass das Buch ihrer Meinung nach Homosexualität propagiert und deshalb verboten werden sollte. Dabei haben die meisten von ihnen das Buch selbst nicht gelesen.
Das 40-Seiten starke Buch mit Farbillustrationen wurde von der St. Petersburger Organisation "Coming-Out" mit Unterstützung der Heimrich-Böll-Stiftung herausgegeben. Auf dem Titel ist zu lesen "Ein Buch zum Vorlesen für Kinder durch Erwachsene". Das Buch erschien bereits vor mehreren Wochen, allerdings zögerten die Herausgeber mit der Verbreitung wegen des in Petersburg geltenden Gesetzes gegen "Homo-Propaganda". "Wir haben gewartet, und dann entschieden, dass es keinen Sinn hat zu warten. Vor kurzem gab es den Fall, dass das Innenministerium von den Regierenden in den USA gefordert hatte, eine lesbische Familie zu überprüfen, die ein russisches Kind adoptiert hatten. Für russische Familien, die unter homophoben Bedingungen leben, sind solche Nachrichten schwer zu ertragen." - so Sascha Semenowa, Herausgeberin des Buches. "Es ist wichtig, die Familien zu unterstützen und ihnen Möglichkeiten zu zeigen, wie sie mit ihren Kindern darüber reden können."
Das Buch wird nicht verkauft, man kann es kostenlos bei den Veranstaltungen der Organisation "Coming-Out" erhalten. Informationen über das Buch konnte man vor einigen Tagen in mehreren sozialen Netzwerken finden. Das Eltern-Forum "LittleOne" lud zu einer Meinungsumfrage zu dem Buch ein. Mehr als 40% antworteten "Das ist Propaganda und sollte verboten werden.", ca. 19%: "Ich würde das Buch nehmen, wenn dort nichts über gleichgeschlechtliche Familien stünde." und ca. 15%: "Das ist ein wichtiges Buch, ich würde es gern haben." Unter den Kommentaren findet sich besonders häufig die Meinung, dass alle genannten Formen von Familie - mit nur eine Elternteil, adoptierten Kindern etc. - normal sind und weder in ein Buch mit dem Namen "Ungewöhnliche Familien" noch in eine Reihe mit gleichgeschlechtlichen Familien gehören.

Als Information über das Buch hat die Fotografin Ksenia Khrabrykh einen Kurzfilm gedreht. Dort erzählt die Illustratorin Katja: "Für mich war diese Arbeit nicht leicht. Sie hat mich ab einem bestimmten Moment geärgert: warum hat man die Illustration des Buches einer Person gegeben, die keine Familie hat. (...) Es wäre merkwürdig, eine Form von Familie als wertvoll anzusehen, und andere abzuwerten, auszuschließen oder zu pathologisieren, sie als falsch anzusehen, unpassend und nicht mehr zu beachten." Im Film hört man außerdem Kinder: "Ich lebe mit Mama, Papa, der Katze und der Schildkröte."; "Ich habe zwei Mütter."; "Meine Familie - das ist meine Mama und ich." Ksenia erläutert: "Die Kinder sind echt, mit ihren Geschichten. Sie kommen aus verschiedenen Familien: mehr oder weniger traditionelle, und welche, in denen z.B. die Mutter alleinerziehend ist."
In dem LGBT-Internet-Forum "Antidogma" wurde in den Kommentaren zum Video die Frage diskutiert, warum über Familien mit zwei Müttern gesprochen wird, aber nicht über die mit zwei Vätern. "Wir wollten gern alle Varianten "nichtraditioneller Familien" darstellen, im Buch gibt es eine Stelle über zwei Väter," so Sascha Semenowa. "Ich kenne selbst eine Familie mit zwei Männern, aber sie wollten leider bei dem Film nicht mitmachen. Das ist ihre freie Entscheidung. Vermutlich haben sie Angst, dass sie in dem Film erkannt werden."

Im Buch kommt ein Mädchen, welches mit seinem alleinerziehenden Vater lebt, zu der Frage: warum ist unsere Familie anders als die anderen? Schrittweise kommt sie zu der Antwort, dass es sehr verschiedene Familien gibt, das wichtigste aber ist, dass die Familie der Ort ist, wo man geliebt und wertgeschätzt wird. In dem Buch gibt es Aufgaben für Kinder: einen vollen Einkaufskorb malen, etwas trauriges darstellen... Die verschiedenen Familienformen im Buch haben ihr Vorbild im realen Leben. Sascha Semenowa: "Ich habe eine Freundin, die sich gerade scheiden lässt, der Mann lebt in einer anderen Stadt, dass Kind ist zwischen ihnen hin- und hergerissen. Und die Mutter steht vor einem großen Problem: wie erklär ich dem Kind diese Situation? Und um so schwieriger ist die Frage - wie erklär ich eine Familie, wo, z.B., zwei Mütter sind? Es gibt zu diesen Themen keine Bücher und keine Trickfilme. Wir hoffen, dass die Menschen genug Verstand haben, unser Buch nicht als Propaganda von Homosexualität anzusehen. Propaganda von Homosexualität wird beschrieben als "zielgerichtete unkontrollierte Verbreitung von Informationen über die soziale Gleichwertigkeit von LGBT". In diesem Sinne, ja, im Buch wird über soziale Gleichwertigkeit gesprochen. Aber es ist keine "unkontrollierte und zielgerichtete Verbreitung"."

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele LGBT-Familien es in St. Petersburg gibt. Zu speziellen Treffen kommen 10 - 20 Leute. In diesem Jahr will "Coming-Out" eine Untersuchung zu dem Thema durchführen, die Ergebnisse sollen zum Jahresende vorliegen. 

Als "traditionelle Familie" gilt in der russischen Gesellschaft eine Familie mit Vater und Mutter, ohne große gesundheitliche Probleme, am besten der orthodoxen Kirche zugehörig. Sollte man unter diesen Vorzeichen Kindern erzählen, dass es Familien gibt, die in dieses Stereotyp nicht passen? Natalja Lokatosch, Kinderpsychologin, sagt dazu: "Informationen über nichttraditionelle Familien sollten die Kinder bekommen (ich bin mir aber nicht sicher beim vorliegenden Buch, ich habe es nicht gelesen). Kinder treffen in jedem Fall auf Gleichaltrige, die z.B. mit alleinerziehenden Eltern aufwachsen. Oder Familien, in denen die Eltern behindert sind. Diese Familien sind trotz allem harmonisch: es gibt Unterstützung und Liebe, der wichtigste Wert ist nicht Geld, sondern die menschlichen Beziehungen. Ich würde diese Familien nicht "nichttraditionell" nennen. Es ist auch kein Geheimnis, dass es in vollständigen, normalen Familien oft sehr unschöne Verhältnisse gibt. Eigentlich ist nach außen alles bestens, aber in Wirklichkeit lebt jedes Elternteil sein eigenes Leben und das Kind wächst isoliert auf. Sollte man den Kindern über Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern erzählen? Kindern sollte man immer die Wahrheit sagen. Das ist leicht und angenehm. Die Informationen bekommen die Kinder in jedem Fall. Besser ist es, wenn sie sie von den Eltern bekommen."

Übersetzung: Quarteera e.V.
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