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Erstmals LGBT-Flüchtling aus Russland anerkannt

veröffentlicht um 28.09.2013, 03:59 von Regina Elsner   [ aktualisiert 03.10.2013, 14:03 von QUARTEERA.DE // QUEER auf Russisch ]

Im April 2013 kam Pavel R. (Name geändert) aus seiner Heimatstadt in Sibirien nach Deutschland. Er hatte Monate der Angst, Gewaltandrohungen, psychischen Drucks und Manipulationen hinter sich. Pavel ist offen schwul. Die durch die Gesetze gegen „Homopropaganda“ angeheizte homophobe gesellschaftliche Stimmung traf ihn direkt und unmissverständlich: solche wie dich wollen wir hier nicht, wir werden dir das Leben zur Hölle machen. 
Pavel kam nach Deutschland als Flüchtling. Im vorherigen Kontakt mit Quarteera e.V. und im weiteren Austausch mit seiner Anwältin wurden ihm keine großen Hoffnungen gemacht: es fehlen Präzedenzfälle, bisher gab es noch keine Anerkennung russischer Flüchtlinge aufgrund der homophoben Politik Russlands. Im Laufe der vier Monate in mehreren deutschen Asylheimen ging Pavel an seine Grenzen und dachte darüber nach, zurück zu kehren – die Zustände in den Heimen, die teilweise existierende homo- wie xenophobe Stimmung unter anderen Flüchtlingen und die ständig präsente Gewaltbereitschaft schienen unerträglich. Aber der Gedanke an ein weiteres Leben in der hasserfüllten Stimmung in seiner Heimat war unerträglicher, er kämpfte weiter. Anfang August wurde Pavel der Flüchtlingsstatus zuerkannt – zur großen Erleichterung für Pavel selbst und für alle, die ihn in der Zeit begleitet haben. Es ist ein Erfolg, ganz persönlich für Pavel und für seine Anwältin. 

Jede Entscheidung über den Flüchtlingsstatus ist eine Einzelfallentscheidung aufgrund der persönlichen Geschichte des jeweiligen Menschen. Dennoch werten wir diese Entscheidung auch als ein Hoffnungszeichen dafür, dass die katastrophale Lage von LSBT in Russland von den deutschen Behörden ernst genommen wird. 

Im Namen von Pavel und weiteren russischen LSBT, die auf die Anerkennung als Flüchtlinge in Deutschland warten, dankt Quarteera e.V. vor allem auch Queeramnesty Deutschland für die engagierte Zusammenarbeit. 
Fragen beantworten wir unter info@quarteera.de.


Pavel, wann hast Du dich entschieden aus Russland auszureisen? Was war der Grund für die Entscheidung?

Ich wollte schon lange aus Russland ausreisen, eigentlich seit meiner Kindheit. Aber leider wusste ich bis zum letzten Moment nicht, wie das gehen soll. Der entscheidende Grund war die extreme Homophobie in Russland, in der Gesellschaft. Es ist sehr unangenehm in einer Gesellschaft zu leben, die dich für krank und zurückgeblieben hält, wo man dir den Arbeitsplatz kündigen kann, nur weil du schwul bist. Wo jeder es für seine Pflicht hält, dich zu erniedrigen, nicht physisch, aber moralisch. Sich dagegen zu wehren ist äußerst schwer, um so mehr wenn man offen lebt. Du bist einer, und sie sind Millionen. Ich sag natürlich nicht, dass alle Russen so sind. Natürlich nicht, es gibt wunderbare Menschen, aber das ist die Minderheit. Die Menschen sind vom Gefängnis und der Sowjetunion erzogen worden, Alkoholiker, Drogensüchtige, Degenerierte, Klerikale, Pöbel, käufliche Polizisten, religiöse Fanatiker, Faschisten, Nationalisten, oder einfach ungebildetes Volk – das ist das Fundament der russischen Gesellschaft. Was denken sie, ist es da leicht zu leben? Jeden Moment kann man dir den Kopf abschlagen. Und das Verhältnis zu LGBT-Menschen wird sich bei diesen Menschen nie ändern. Der kleine Prozentsatz von hetero- und homosexuellen Menschen, die in dieser Gesellschaft leben müssen, tut mir sehr leid.

Warum ausgerechnet Deutschland?

Weil sich die deutsche Politik loyal zu LGBT-Menschen verhält. Warum ausgerechnet Deutschland, darauf kann ich nicht antworten, so ist es halt gekommen.

Hast Du Dich irgendwie auf die Ausreise vorbereitet?

Nein, ich habe die Entscheidung sehr spontan getroffen, ohne Vorbereitung. Ich hatte einen stabilen Arbeitsplatz, ich wollte eigentlich nicht kündigen, aber das musste ich dann. Ich konnte auch überhaupt kein Deutsch. Ich hatte keine Bekannten oder Freunde, erst recht keine Verwandten hier. Alles was ich hatte waren die etwas wirren Informationen aus dem Internet, nicht mehr. Und das ist nicht besonders gehaltvoll, alles auf dem Niveau von Überlegungen und Gerüchten. Eigentlich hatte ich nicht mal genug Zeit, um meine Sachen zu packen, ein Teil davon ist in Russland geblieben.

Wie hast Du die erste Woche hier durchlebt?

Die erste Woche? Fragt lieber danach, wie ich die andere Zeit durchlebt habe... Die erste Woche war seeeehr schwer, erst recht, wenn du nichts weißt, auch nicht, wie du dich verhalten sollst. Und die Bedingungen in den Heimen sind bei weitem nicht ideal. Ich war das erste Mal in einer Umgebung, wo ich der einzige Russe unter Muslimen war. Um mich herum nur Kaukasier. Das ist so, als ob man eine Maus in ein Terrarium mit Schlangen wirft. Angst, Angst, Angst und noch mal Angst. Vor der Umgebung, vor der Unsicherheit. Ins Heim zu kommen, vor allem in der ersten Woche, aber auch in der weiteren Zeit — das heißt zu vergessen, wer du bist, dein Verhalten und deine Ansichten zu ändern, deinen Stolz und deine Meinung dir sonstwohin zu stecken, zeitweise ein Niemand zu werden, einfach eine Nummer auf dem Papier, nicht mehr.

Was war am schwersten in dieser Zeit?

Am schwersten war es, ich selbst zu bleiben in den Heimen. Weil die Psyche und die Persönlichkeit schwer angegriffen werden. Es ist wahnsinnig schwer, nicht den Hass und die Böswilligkeit in sich rein zu lassen. Das Wichtigste ist, trotz der Bedingungen und dem unangenehmen Umfeld ein Mensch zu bleiben. Und das ist auch das Schwierigste. Und natürlich war es sehr schwer ohne jegliche Unterstützung vom Staat. Ich meine, dass alle Texte und Unterlagen auf Deutsch verschickt werden, es gibt keine Dolmetscher. Man muss irgendwie selbst klar kommen damit.

Was fehlt Dir am meisten?

Meine Familie und meine Freunde. Sie waren immer für mich da, zu jeder Zeit. Und hier bin ich schlagartig von ihnen abgeschnitten. Deswegen fehlen sie mir wahnsinnig. Alles andere kann man aushalten.

Wo und wie hast Du Unterstützung gesucht?

Unterstützung hatte ich nur von Bekannten, die ich bereits hier getroffen habe, und von Quarteera. Eine besondere Hilfe für Asylanten gibt es nicht. Wenn es sie gibt, dann höchstens in Form des positiven Bescheids, dass man garantiert in Deutschland bleiben kann. Man muss sich immer auf sich selbst verlassen. Aber ich möchte allen Danke sagen, die mir geholfen haben. Und natürlich auch den Mitarbeitern des Lagers, sie haben mir immer freundlich und taktvoll alles erklärt, wenn ich zu ihnen kam.

Du wusstes, dass es quasi unmöglich für Schwule aus Russland ist, in Deutschland als Flüchtling anerkannt zu werden — worauf hast Du gehofft?

Ich wusste, dass es unmöglich ist und habe trotzdem immer gewusst, dass es gelingen wird. Ich hatte keinen Zweifel, obwohl alle wie abgesprochen wenig hoffnungsvolle Dinge gesagt haben. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber alle Umstände haben sich so gefügt, dass es anders nicht hätte ausgehen können. Es geht nicht ums glauben, sondern ums wissen. Da wo Glauben ist, findet sich auch immer Grund zum Zweifeln.

Wie lange hast Du auf die offizielle Antwort gewartet?

Vier Monate. Das waren sehr lange Monate. Aber alle hatten angekündigt, dass es Jahre dauern kann...

Was hast Du empfunden, als Du die Antwort bekommen hast?

Oh, ich würde alles dafür geben um mein Gesicht in dem Moment zu sehen, das war völlig unbeschreiblich. Ich wusste ja, dass es so kommen wird, aber so schnell, und vor allem mit diesem Paragraphen (Aufenthaltsrecht und Arbeitsrecht) – das habe ich nicht erwartet. Als erstes kamen mir die Tränen, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geweint habe, aber hier überkam es mich. Und überbordende Emotionen. Das kann ich mit Worten nicht beschreiben – das ist das Nirvana. Ich hab eine Strauß Rosen gekauft und sie einzeln auf der Straße verschenkt. Deswegen war nicht nur ich an diesem Tag glücklich.

Kannst Du sagen, wie die Entscheidung begründet wurde?

Ich kann die Entscheidung der Beamten nicht kommentieren, einfach weil ich davon nichts verstehe. Wenn sie es mir gegeben haben, wird es einen Grund gegeben haben. Ich habe bei den Gesprächen nicht gelogen, nicht beim ersten und nicht beim zweiten, ich habe ihnen meine Lebensgeschichte erzählt, vielleicht deswegen. Ich möchte einfach nur dem Menschen danken, der das Gespräch geführt hat. Er kann sich sicher nicht mal vorstellen, was er für mich getan hat.

Wie hast Du die Gespräche, die Klärung Deiner Situation erlebt? Wir haben sich die deutschen Mitarbeiter Dir gegenüber verhalten?

Die Anhörungen sind der entscheidende Moment für die meisten. Ich hatte Angst davor, weil ich so viele Horrorgeschichten darüber gehört hatte. Irgendjemand sagte man würde mich dort anschreien, nicht zuhören, man würde versuchen, mich beim Lügen zu ertappen. Es könne bis zu zwei Tagen dauern. Es war dann nichts von all dem in meinem Fall. Alles war sehr wertschätzend und kultiviert, sehr sachlich, und dauerte maximal 1,5 Stunden. Obwohl ich persönlich auch von einem Fall weiß, wo das Gespräch 14 Stunden dauerte. Überhaupt sind die Deutschen ein einmaliges Volk. Nach den staatlichen Einrichtungen bei uns in Russland war ich sehr positiv überrascht, wie sich die Deutschen zu mir verhielten. Letztendlich war ich hier ein Niemand, nicht mal Obdachlos, aber ich habe nie, weder von der Polizei, noch von den Angestellten, ein beleidigendes Wort gehört. Vielen Dank für diesen warmen und feinfühligen Umgang.

Wie schätzt Du die Lage in Russland ein – bleibt einem als Schwuler wirklich nur die Flucht?

Das kommt darauf an, was derjenige vom Leben will. Ich kenne viele Menschen, die ein scheinbar heterosexuelles Leben leben, eine Familie haben, und daneben mit Männern schlafen. Wenn man sein ganzes Leben alle belügen, sich verstecken und ständig Angst haben will, dann ist Russland das richtige Land. Wenn man ein normales, ruhiges, familiäres Leben haben möchte – fahrt weg“ Russland ist kein Land, in dem LGBT in nächster Zeit akzeptiert werden. Und das liegt nicht so sehr an den Gesetzen oder der Regierung (auch wenn das auch unerträglich ist) – es liegt an den Menschen, die verroht und verfault sind, die nur nach Sündenböcken suchen für ihr sinnloses Leben. Es gibt keine homophoben Menschen – das Wort verhüllt nur das Wort Scheißkerl. Und das ist die Masse der Bevölkerung. Ich glaube, der beste Weg, etwas in seinem Leben zu ändern, ist es auszureisen, vor allem, weil es jetzt gerade viele Möglichkeiten gibt. Russland war lange ein zurückgebliebenes Land und bleibt es noch für einige Zeit, wenn es nicht sogar noch schlimmer wird. Außerdem tut der Einfluss der Kirche das Übrige, wenn es in ca. 5 Jahren keine Inquisition gibt wäre das sehr verwunderlich. Das Land ist für LGBT tot, und es wird kaum gelingen, es zu reanimieren. Die Einführung der Haftstrafe für Homosexualität ist nur eine Frage der Zeit. Falls noch jemand überlegt, ob er fahren oder bleiben soll - ich sag es euch. Packt eure Sachen und fahrt. Es gibt in diesem Land nichts mehr zu tun.

Hast du einen Rat für Menschen, die ausreisen wollen — für die Zeit vor der Ausreise, während der Anhörungen, in der ersten Zeit hier?

Ratschläge zu geben ist dumm. Es gibt keine universalen Ratschläge. Jeder hat andere Heime, eine andere Geschichte, andere Schlussfolgerungen, andere Zeiten.

Der einzige Rat — macht es nicht. Ich weiß, durch was man durch muss, deswegen sage ich das. Aber wenn man sich entschieden hat, dann muss man bis zum Ende gehen, keinen Schritt zurück. Das wichtigste ist: nicht lügen, keine Geschichten erfinden. Es gelingt sowieso nicht, zu betrügen. Und man bekommt einen Haufen Probleme. Und haltet euch an das Gesetz Wenn ihr denkt, das Gesetz ist nicht für euch gemacht oder ihr seid was Besonderes — bleibt lieber zu Hause. Und vor der Ausreise sollte man genug Beruhigungsmittel mitnehmen, die brauch man.

Was sind Deine Pläne für die nächste Zeit?

Natürlich als erstes die Sprache lernen, und möglichst schnell von der Sozialhilfe wegkommen, Arbeit finden und in Ruhe leben. Russland vergessen, wie einen Alptraum.

Quarteera e.V.