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Das andere Georgien - LGBT-Leben in Georgien

veröffentlicht um 05.10.2013, 04:43 von Regina Elsner


Am 17. Mai 2013 versuchten LGBT-Aktivisten auf dem Prospekt Rustavelli in der georgischen Hauptstadt Tiflis eine Aktion zum „Internationalen Tag gegen Homophobie“ durchzuführen. Die Aktion wurde durch eine Demonstration mehrerer Tausend Gegner unter Anführung orthodoxer Priester und ihrer Gemeindemitglieder massiv gestört. Als die LGBT-Aktivisten sahen, dass die Straße besetzt war, wollten sie an einen anderen Ort ziehen, aber die Gegendemonstranten durchbrachen die Polizeikette, jagten die LGBT-Aktivisten zu den Bussen und bewarfen sie mit Steinen. Die Bilder gingen um die Welt: ein alter Priester, der einen Hocker gegen die Schwulen schwingt. Obwohl die lokalen Medien es anders deuteten: der Pfarrer hat Rückenschmerzen und trägt deswegen immer einen Hocker bei sich, um sich zwischendurch setzen zu können. Ein Korrespondent des russischen Journals „Russkij Reporter“ traf sich mit Vertretern der georgischen Organiation „Identoba“, die sich für die Rechte von sexuellen Minderheiten einsetzt, sowie mit einen Schwulen aus Tiflis. Diesen nach der Aktion am 17. Mai zu finden war nicht so einfach.

Beamter S.

Die Berge werden von Bergen abgelöst. Je weiter man von Tiflis wegfährt, um so höher, maächtiger und grüner werden sie. Der Dienstwagen fährt in Richtung des höchsten Punkt Georgiens. Am Steuer sitzt der Leiter einer einflussreichen Behörde. Neben ihm – mein Freund, auch ein Beamter. Am Anfang der Reise sagte mein Freund, dass er nicht zum Helden in meiner Geschichte werden möchte. Ich habe ihm keine eindeutige Antwort gegeben, deswegen nenne ich ihn S., obwohl dieser Buchstabe weder in seinem Namen, noch in seinem Nachnamen vorkommt.

Sobald sich auch nur die Spitzen der dreieckigen Kirchtürme zeigen bekreuzigt sich mein Freund S.. Er lässt keine Kirche ohne Kreuzzeichen vorüberziehen, das heißt, dass er sich auf dem Weg bis zum höchsten Punkt Georgens unzählige Male bekreuzigte.

Wir gehen in ein Cafe am Straßenrand. Hier wird die Forelle fünf Minuten nach dem Fang im Fluss gebraten, Pilze und Bohnen werden in Tontöpfen serviert. Der Leiter wird angerufen. Nur an seiner markant abstehen Lippe kann man erkennen, dass es um etwas Unangenehmes geht. So unangenehm, dass es sogar alle die hineinzieht, die nur zuhören.

- Da ruft ein Denunziant an, - sagt S. 
- Stimmt es, dass inhaftierte Schwule in eigenen Zellen gehalten werden, keine sie berührt und sie eigenes Geschirr haben? - frage ich, den Moment nutzend. - Ist das so in georgischen Gefängnissen? 
- Möchtest du, dass normale Männer mit Schwuchteln von einem Teller essen? - fragt mich der Leiter, der sein Gespräch beendet hat. - Dass sie in einem Raum mit ihnen schlafen? Ich möchte nicht mit denen in einem Raum schlafen, denen ich den Rücken nicht zuwenden kann. Vielleicht willst du noch, dass ich einer Schwuchtel die Hand reiche zur Begrüßung? Ich möchte mit denen nichtmal die gleiche Luft atmen. Was sagt die Orthodoxie über Schwuchteln? „Erschlagt die Sodomiter mit Steinen“.
- Aber die Orthodoxie sagt auch „Gott ist Liebe“, - sage ich. - Und ihr, die ihr euch an jeder Kirche bekreuzigt, solltet das wissen.
-Was willst du? - fragt S., der sich auch zurück gekommen ist, genervt – Erklär, was du willst?
- Einen menschlichen Umgang mit allen. Als Beamte, die auf das Schicksal der Menschen Einfluss haben, seid ihr verpflichtet, mit Schwulen menschlich umzugehen, erst recht, wenn sie im Gefängnis sind.
- Sag mir fünf Punkte eines menschlichen Umgangs! - ruft S. - Nein, los, benenn sie! Fünf Punkte! Los! Mit einen Schwulen von einem Teller essen zu wollen? 
- Nun, zum Beispiel...
- Aber ich will nicht! - schreit er. - Das ist mein Recht, und niemand kann mich zwingen. Ich möchte mit meiner Exfrau auch nicht von einem Teller essen!
- Die Frau hat dir irgendwas getan, aber der Schwule ist einfach nur schwul!
- Ich wiederhole, sag fünf Punkte. Du kannst sie nicht ennen. Ich werde Schwule schützen, wenn sie geschlagen werden, aber ich möchte ihnen die Hand nicht geben! - er springt nervös auf dem Sitz.
- Für eine Schwuchtel ist nicht nur die Hand zu schade, wenn man ihn mit dem Fuß tritt ist der Fuß sogar zu schade, - sagt der Chef. - Wir brauchen eure Toleranz nicht, wir haben die schon gesehen. Er möchte, dass ich ihn liebe. Aber warum soll ich ihn lieben, nur weil er schwul ist?
- Ich möchte niemandem die Hand geben, der den Arsch als Geschlechtsorgan benutzt! Das will ich nicht! Der Arsch ist kein Geschlechtsorgan! - schreit S.
- Eure Worte haben nur einen Ursprung – Aggression, - sage ich. - Du wirst einen Schwulen schützen, der geschlagen wird, das ist super, aber denk doch daran, dass ihn solche Leute schlagen, die weniger entwickelt sind und denen deine Worte, als Beamter, genau ins Konzept passen!

Den restlichen Weg legen wir in missmutigem Schweigen zurück. Irgendwann sage ich:
- Und ich dachte, ihr habt hier Demokratie...

Schorena von „Identoba“

Schorena Gabunija, eine junge Frau mit kurzen, grell-violetten Haaren, orangenem Lippenstift, im lilafarbenen Top mit orangenen Trägern, sitzt im Drehstuhl. Sie vertritt „Identoba“. Wir trinken Kaffee.

- Sie wissen ja, was am 17. Mai passiert ist? - fragt sie. - Religiöse Fundamentalisten haben uns gejagt. Das war keine Gay-Parade, nur eine kleine Aktion, zu der Menchenrechtler und Sympathisanten gekommen waren. Hauptsächlich Frauen. Es gab den Vorfall mit dem Kleinbus. Da saßen die Frauen schon, und die Fenster wurden eingeschlagen, die wollten uns umbringen, in Einzelteile zerreißen. Wir konnten uns wie durch ein Wunder retten, mit Hilfe der Polizei. Kurz davor sind unsere Soldaten in Afghanistan umgekommen, und der Patriarch hatte erklärt: Es ist unzulässig, dass unsere Helden in der Kathedrale an Prospekt Rustavelli aufgebahrt werden, und gegenüber findet eine Demonstration der Sodomiten statt. Das war ein direkter Aufruf für die Gläubigen.
- Es wird gesagt, dass ihr solche Aktionen nur macht, weil ihr Fördergelder abarbeiten müsst, die ihr aus Amerika und Europa bekommt, - sage ich.
- Ich habe gerade erst einen Artikel über Rassismus in Georgien geschrieben. Man mag hier nicht nur die Schwulen nicht. Leser haben mir geschrieben: „Ihr denkt euch alles für die Fördergelder aus, ihr lebt von diesen Geldern!“ Was soll ich darauf antworten? Wenn es ein Problem gibt, muss man darüber sprechen. Ja, unsere Geber sind Ausländer, die georgische Regierung finanziert das Patriarchat. Viele Priester fahren Toyota oder Jeeps. Und was sollen wir damit machen?
- In den vergangenen Jahren herrschte keinerlei Tolerant unter dem Saakaschwili-Regime, in den georgischen Gefängnissen wurden Männer von Männern vergewaltigt. Dabei stellen sich die meisten Männer auf die Seite derjenigen, die Schwule hassen, sicher auch die, welche selber vergewaltigen.
- Ja, das ist komisch, bei uns und auch in anderen Ländern im Osten, zählt die aktive Homosexualität nicht als Homosexualität.
- Sie sind heterosexuell? - frage ich.
- Ja, - sie schaut mir in die Augen. Unter ihnen sind tiefe Augenringe, die von der Farbe des Tops verstärkt werden. - Und ich hatte nie gleichgeschlechtlichen Sex, nicht mal aus Interesse.
- Warum unterstützen Sie dann sexuelle Minderheiten?
- Wie pathetisch das auch klingen mag, ich unterstütze immer die, welche von der Gesellschaft und den Machthabern unterdrückt werden.
- Und wenn zum Beispiel Heterosexuelle weniger würden und Lesben und Schwule sie unterdrücken würden?
- Dann würde ich Hetersexuelle unterstützen.

Als Schorena aufsteht und zur Tür geht, sieht man das orangene Band, welches die Träger vom Top zusammenhält.

Sandro

Tiflis. Ich gehe über die Brücke über den Fluss Kura. Neben mir geht Sandr, er ist schwul. Er ist klein und schmal, aber seine Figut ist nicht dünn oder feminin. Er hat breite Augenlider, eine schmale Nase, kleine Hände.
- Was für dreckiges Wasse, - sage ich über den Fluss.
- In ihn wird die Kanalisation geleitet, - erklärt Sandro. - Ich wurde mit einen Jungen gesehen, - fängt er seine Geschichte an, - wir sind nur gegangen, es war Nacht, und wir haben uns kurz an den Händen gehalten. Da sind sie von hinten auf uns los und haben uns verprügelt.
- Wer?
- Nur Vorübergehende. Sie haben meinen Ausweis mitgenommen. Nach einigen Tagen kamen sie zu mir nach Hause und haben mich im Treppenhaus noch mal verprügelt. Dann hat mich meine Familie verprügelt – meine Brüder und meine Schwester. Jetzt wohne ich in einer Notunterkunft. Ich kann nicht ausreisen, ich brauche ein Visum. Zur Zeit droht mir nur durch meine Familie Gewalt.
- Ich wollte nicht schwul sein. Als ich es erfuhr, habe ich mich bemüht, irgendwie geheilt zu werden. Es wurde sogar ein Test durchgeführt – Heilung durch Elektroschock, - Sandro zeigt mir seine Hand. Die Gelenke sind von weißen Narben überzogen. - Da wurden die Elektroden befestigt, dann wurde der Strom eingeschaltet und mir wurden Bilder mit Schwulen gezeigt, um Abscheu hervorzurufen. Ich wurde zwei Wochen lang jeden Tag so behandelt. Wenn es noch eine Möglichkeit zur Behandlung jetzt geben würde, ich würde hingehen, weil es unmöglich ist, so zu leben.
- Fühlst du dich als Christ?
- Ich war sechs Monate im Kloster, um gesund zu werden. Ich habe dort wie ein Novize gelebt. Das war eine geistliche Behandlung. Aber selbst die Priester haben sich über mich lustig gemacht: „Schau mal, der Schwule kommt!“ Als ich das verstanden hatte, bin ich gegangen.
- Also denkst du, dass du Christ bist?
- Ja. Mir ist egal, wie mich die Priester nennen.
- Was machte einen Menschen zu einem Christen?
- Der Glaube. Ich glaube, sonst nichts.
- Deine Familie liebt dich nicht?
- Nachdem sie erfahren haben, dass ich schwul bin – nein. Sie haben gesagt, dass sie so einen Bruder nicht brauchen.
Wir gehen an alten Platanen mit grauen Stämmen vorbei. Wenn uns Männer entgegen kommen, spreche ich das Wort „Schwul“ leiser aus.
- Das heißt, sie lieben dich nicht, Sandro, - sage ich, und er seufzt und hebt die Schultern. - Liebst du sie? - frage ich, und er nickt kurz. - Wie haben sie dich geschlagen?
- Nachdem ich bei der Polizei Anzeige erstattet hatte gegen die, die mich verprügelt hatten, haben sie erfahren, dass ich schwul bin. Ich wollte bei der Polizei nicht ohne Anwalt aussagen, warum ich geschlagen wurde. Aber die Polizisten sagten: „Solange du nichts sagst, bleibst du hier.“ Der Polizeichef dort und sein Stellvertreter waren beide mit dunklen Brillen...
- Im Raum?
- Das ist hier so eine Gewohnheit – in Räumen mit Sonnenbrillen zu sein. Ich sagte „Ich wurde verprügelt, weil ich schwul bin.“ Der eine nahm die Brille ab: „Du bist wirklich eine Schwuchtel?“ Ich sagte „Ja.“. Dann nahm der zweite die Brille ab. „Wirklich eine Schwuchtel?“ - „Ja!“ - „Was macht in unserem Stadtteil eine Schwuchtel? Los, hau ab.“ Meine Familie wusste das damals noch nicht hundertprozentig. Aber sie fingen an, mich zu schlagen: „Bist du wirklich so einer?“ Sie warfen mich auf den Boden und schlugen mich. Ich hab alles verneint. Dann haben sie angefangen, mich systematisch zu schlagen, ich bekam Angst nach Hause zu gehen, ich kam immer sehr spät, wenn alle anderen bereits schliefen. Dann kamen sie mit Pistolen, mein Bruder richtete sie auf mich und fragte „Was ist dir lieber, wo ich hinschieße, auf den Kopf oder ins Herz?“ Mein Bruder, mit dem ich aufgewachsen bin... Er hat mich geliebt und beschützt, solange er nicht wusste, dass ich schwul bin.
- Und wo wäre es dir lieber?
- Darüber habe ich nicht nachgedacht.
- Denk mal nach.
- Besser in den Kopf... Als ich studierte hatten wir eine Dozentin, die sagte: solche Leute wie wir muss man vernichten, alle zusammentreiben auf dem Platz der Freiheit und verbrennen...
- Hast du deswegen geweint?
- Ich habe immer geweint. Wenn wir mit Freunden zusammensaßen und sie sagten „Diese Schwuchteln...“ dann habe ich mit allen gelacht, sogar lauter als alle anderen, aber in der Seele tat es unheimlich weh.
- Ging es wenigstens den Schwulen unter Saakaschwili besser? - ich spreche wieder etwas leiser, ich habe immer das Gefühl, dass Passanten uns hören und uns verprügeln.
- Warum denkst du das?
- Weil er doch das Sprachrohr für Demokratie war. Unter den Beamten der neuen politischen Welle habe ich massenhaft Homophobie getroffen.
- Vorher, als die Gegner von Saakaschwili verhaftet wurden, gab es dort sehr viele Vergewaltigungen. Aber niemand hat davon gesprochen. Im letzten Jahr, als die erste Aktion am 17. Mai durchgeführt wurde, waren sehr viele Oppositionelle auf unserer Seite. Aber jetzt, wo sie an der Macht sind, beschimpfen sie uns.

Priester

Morgens laufe ich im die Kirche herum. Ich warte auf einen Pfarrer, der mit mir über Schwule und die Aktion am 17. Mai sprechen würde. Mich schaut die Gottesmutter-Ikone an. Auf dem Dach der Kirche steht ein großes goldenes Kreuz. Die Touristen versperren den Eingang in die Kirche. Bevor man sie betritt, müssen Frauen eins von den langen Tüchern umwickeln, die am Eingang in Körben liegen. Es ist die „touristische Kirche“ im Zentrum von Tiflis. Ich habe extra diese ausgesucht, wo die Priester an das Gespräch mit Touristen gewöhnt, etwas offener sind und nicht mit Hockern durch die Weld gehen. Am Vordach entdecke ich noch ein Kreuz, ein kleines, schwarzes. Ich schaue es an, als aus der Kirche ein älterer Priester kommt. Ich gehe hin, stelle mich vor.
- Kann ich mit ihnen über Schwule sprechen? - frage ich.
- Mit mir nicht, - antwortet er. - Gleich kommt Pfarrer Georgij. Vielleicht spricht er mit Ihnen.
Ich warte noch eine halbe Stunde auf der Bank. Schreibe in mein Notizbuch die Gestaltung des Kirchgeländes (Wände, die mit Wein umrankt sind, alte hölzerne Balkone, niedrige Bäume, unter den schillernden Blättern schauen die reifen Granatäpfel hervor), und notiere mir Fragen für das Gespräch mit dem unbekannten Pfarrer Georgij.

Es erscheint ein Priester. Er wird sofort von jungen Menschen umringt. Ich gehe zu ihm und warte, bis ich dran bin. Als mich der Priester bemerkt nickt er mir freundlich zu und bedeutet mir, zu kommen.
- Sie wollten etwas von mir? - fragt er.
- Äh, ja. Ich wollte mit ihnen sprechen... - ich drängel mich durch und schaue auf die jungen Menschen. Ich sehe in jedem jetzt einen Homophoben. - Ich wollte mit ihnen über Schwule reden, - das Worte Schwule spreche ich demütig aus, senke die Augen.
- Ich spreche kein Russisch, - antwortet mit der Priester schnell.

Er verspricht, dass gleich noch ein Priester kommt, der vielleicht auf meine Fragen antwortet. Noch eine halbe Stunde lang treibe ich mich beim Eingang rum, dann sehe ich noch einen Priester, ich gehe auf ihn zu. Stelle mich vor. Frage über Schwule. Der Priester atmet tief durch die Nase ein, schaut an mir vorbei in die Luft. Ich folge seinem Blick, er studiert die Granatäpfel, die „unter den schillernden Blättern der niedrigen Bäume reifen.“
- Oh, da kommt das Mütterchen! - sein Blick löst sich vom Granatapfel und fixiert sich auf der Figur in Schwarz, die aus dem Kirchgarten kommt. - Ich habe etwas mit ihr zu besprechen, dringend, - sagt er und verschwindet schnell. - Warten Sie!

Ich warte eine recht lange Zeit in der Sonne und unter den Granatäpfeln, schließlich entscheide ich mich zu gehen. Außerdem weiß ich auch so, was georgische Priester über Schwule denken und dass sie nichts anderes denken können.

Vor meiner Abreise aus Georgien frage ich einen bekannten Menschenrechtler, einen Gegner Saakaschwilis und ehemaligen politischen Gefangenen, ob er Schwule schützen würde.
- Die Rechte von Schwulen werden nicht so schlimm verletzt, - antwortet er. - Aber es gibt Probleme. Gestern, du hast es ja gesehen, haben wir im Restaurant gesessen, neben uns saß ein Schwuler. Ich bin aufgestanden und habe ihn begrüßt.
- Obwohl er schwul ist?
- Obwohl er schwul ist.
- Und hast ihm die Hand gegeben?
- Ich hab ihn sogar auf die Wange geküsst, wie es in Georgien Sitte ist.
- Und hast Du keine Angst, dass deine Freunde oder unser gemeinsamer Freund S. Dich für so eine Beziehung zu Schwulen auslachen werden?
- Ich habe genug in der Vergangenheit geleistet, dass sie das nicht machen werden.
- Das heißt du wirst Schwule schützen?
- Hey, ich habe vier Jahr abgesessen, damit auch ihre Rechte nicht verletzt werden.


In Georgien gibt es Gerüchte, dass das Saakaschwili-Regime in den letzten Jahren vor allem gegen Schwule kompromittierendes Material gesammelt habe. Aber nicht über die üblichen Vertreter der Homosexuellen, sondern über öffentlich wichtige Figuren, die dementsprechend Einfluss auf die öffentliche Meinung hatten. Das Gerücht, welches sich wie in allen kleinen Ländern schnell verbreitete, macht klar: die Erpressung mit angeblichen Fakten, dass ein gesellschaftlich bedeutender Schwuler zum Beispiel mit Drogen handelt oder Spionage für Russland betreibt, hat weniger Erfolg, als die Beschuldigung, schwul zu sein. Um seine nichttraditionelle Orientierung zu verheimlichen, tun georgische Schwule viel – zum Beispiel äußern sie Meinungen und Thesen der regierenden Partei. Aber es gibt eine Frage, auf die die mir nicht mal die antworten können, die mit eigenen Augen die Denunzierung des Gegners gesehen haben, zum Beispiel mein Freund S.: Warum musste die regierende Partei die Gegner denunzieren, also die Leute, die die „Nationale Bewegung“ ablösen wollten, die Unterstützer Ivanischwilis? Besonders, weil ja die Denunziationen nicht im Interesse des Staates, sondern einer einzelnen politischen Partei gesammelt wurden? Die Existenz dieses kompromittierenden Materials lässt sich nicht nachweisen. Die, die über das Material verfügen, werden es niemals irgendwem zeigen, weil es eine Schande ist, in Georgien schwul zu sein. Und Menschen, noch dazu vor der Presse, zu blamieren, zählt in diesem Land zu den letzten Sachen.

Wer betrügt wen? Die Schwulen – die Gesellschaft, um ein Visum zu bekommen und das Land zu verlassen? Die Menschenrechtsschützer – Europa, um Fördergelder zu bekommen? Die Priester, die vergessen, dass das Christentum die Religion der Liebe ist – ihre Gemeindemitglieder? Die Parteien – sich gegenseitig? Im heutigen Georgien, vor den Präsidentenwahlen, ist eine Antwort auf diese Fragen praktisch unmöglich. Man kann nur mit verschiedenen Akteuren sprechen und diese Gespräche zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Marina Achmedowa

Übersetzung: Quarteera e.V.

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