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„Hören Sie, kommen Sie mir jetzt nicht mit Menschenrechten!“

veröffentlicht um 14.01.2016, 10:38 von W K   [ aktualisiert: 14.01.2016, 14:27 ]

Interview mit dem Initiator des Gesetzesentwurfs über „die öffentliche Bekundung nicht traditioneller Beziehungen“ in Russland

Original - https://meduza.io/feature/2016/01/14/slushayte-da-ne-nuzhno-pro-prava-lyudey14. Januar 2016 – Meduza 


Kommende Woche befasst sich die Staatsduma in erster Lesung mit einem Gesetzesentwurf, der „die öffentliche Bekundung nicht traditioneller Beziehungen“ unter Strafe stellen soll. Die Abgeordneten wollen eine Ergänzung des Gesetzbuches über Verwaltungsstrafen vornehmen: Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar sich auf der Straße umarmt oder küsst, so wird es bestraft. Sollte es zu einer derartigen Gefühlsdemonstration in Bildungs- oder Kultureinrichtungen kommen, ist eine Inhaftierung von bis zu 15 Tagen vorgesehen. Eingebracht wurde der Gesetzesentwurf von einem Abgeordneten der Kommunistischen Partei. Meduza-Sonderkorrespondent Danil Turowski hat sich mit einem der Initiatoren, dem Abgeordneten Iwan Nikitschuk, unterhalten.


  • Warum haben Sie beschlossen, einen solchen Gesetzesentwurf einzubringen?
  • Sie sind doch ein normaler Mensch, oder? Meiner Meinung nach hat die Natur Mann und Frau geschaffen, um ein Paar zu bilden. Auch überall in der Tierwelt gibt es Paare. Ja sogar bei den Pflanzen ist das so: Da gibt es den Stempel und das Staubblatt. Aber kranke und abnormale Leute haben beschlossen, dass ihre sexuellen Probleme auch anders gelöst werden können. Das sind deren psychische Abweichungen von Verhaltensnormen und der natürlichen Bestimmung. Wir verbieten mit diesem Gesetz nicht, sich „damit“ zu beschäftigen – Staubblatt an Staubblatt, sollen sie das doch unter der Bettdecke tun – aber ihre teuflischen Triebe, die uns vom Westen aufgezwungen werden, zur Schau zu stellen...  Tut mir Leid, aber das hier ist Russland. Wir haben ein Land, wo Traditionen immer geachtet wurden, wo es Gewissen und Schamgefühl immer gab und geben wird. Und all diese sich küssenden bärtigen Männer bringen uns höchstens zum Kotzen, sonst nichts...

  • In Ihrem Gesetzesentwurf steht geschrieben, dass die Zurschaustellung von Homosexualität an öffentlichen Plätzen bestraft wird. Was verstehen sie darunter? Den Eingang eines Wohnhauses? Den Balkon, der von Nachbarn eingesehen werden kann?
  • Öffentliche Plätze sind Plätze, an denen du nicht alleine bist: auf der Straße, in der U-Bahn usw.

  • Und was soll dann passieren? Menschen gehen die Straße entlang, halten Händchen oder küssen sich. Kommt dann die Polizei und nimmt sie fest?
  • Natürlich. So soll das sein.

  • Für Liebe kommt man hinter Gitter?
  • Naja, wenn das Liebe ist... Meinen Sie, dass ein Mann einen anderen Mann liebt? Nennt man das Liebe?

  • Ist das denn unmöglich?
  • Ich denke, das ist unmöglich. Für normale Leute ist das nicht möglich. Für kranke, pervertierte Menschen schon.

  • In Ihrem Gesetzesentwurf weisen Sie darauf hin, dass Homosexuelle eine ernstzunehmende Bedrohung für Staat und Gesellschaft darstellen? Wieso das?
  • Nicht umsonst wird diese Sache vom Westen ziemlich großzügig finanziert und nach Russland, in unser Bewusstsein eingeführt. Die Jugend wird verführt, desorientiert, die Geburtenrate trägt Schaden davon. All das ist durchdacht.

  • Sie zitieren in Ihrem Gesetzesentwurf auch Hillary Clinton: „Schwulenrechte sind Menschenrechte“...
  • Hören Sie mal, kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit Menschenrechten. Das wird ja absurd. Es gibt auch Leute, die sich gerne in aller Öffentlichkeit anpinkeln. Schützen wir doch auch ihre Rechte. Diese Menschenrechte haben uns ad absurdum geführt. Vor allem den Westen. Sehen Sie mal, was in Köln los ist! Da haben Sie Ihre Menschenrechte.

  • Wenn ich Sie richtig verstehe, halten Sie Homosexuelle für psychisch abnormale Menschen.
  • Sie sind doch ein normaler Mensch, oder? Wenn Sie einen Mann sehen, tut sich da was in Ihrer Hose, um es dem Typen von hinten zu geben? Ist das für Sie etwa normal?

  • Ich halte Homosexuelle genauso für Menschen, wie alle anderen.
  • Ich wünsche Ihnen alles Gute.

Danach legte der Dumaabgeordnete Iwan Nikitschuk auf.

Danil Turowski
Moskau

Übersetzung von Mathias Althaler für Quarteera e.V.
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