Конституционный суд Германии признает право на третий пол

veröffentlicht um 08.11.2017, 01:31 von W K   [ aktualisiert: 08.11.2017, 01:32 ]


Конституционный суд Германии обязал немецкий парламент юридически признать существование третьего пола и внести в свидетельство о рождении вариант "интерсексуал".

Данное решение было принято 10 октября 2017 года (оригинал решения на немецком) после многочисленных апелляций, поданных 27-летним_ей уроженцем_кой Лейпцига по имени Ваня и отвергнутых судами более низшей инстанции, в том числе Верховным судом ФРГ.

Ваня, рожденный_ая интерсексуалом - то есть, с физическими признаками обоих полов, формально зарегистрирован_а в Германии как женщина, однако не определяет себя ни мужчиной, ни женщиной.

В 2013 году Германия стала первой европейской страной (ранее подобные законы приняли в Австралии и Новой Зеландии), где в свидетельстве о рождении внесли три варианта ответа в графе "пол" – мужской, женский и пустое поле.

Однако, по мнению Вани, этой реформы оказалось недостаточно, так как в конечном итоге, даже если родители интерсексуала не отмечали в документах пол ребенка, на определенном этапе жизни самому интерсексуалу приходилось делать выбор гендера. Вместо этого, и с этим согласился Верховный суд, надлежит официально легализовать существование третьего пола.

По некоторым оценкам, в Германии проживают примерно 70.000 интерсексуальных людей.

До 31. декабря 2018 немецкое правительство Бундестаг должно внести соответствующие изменения в Германский Закон о личном статусе - либо полностью графу о поле новорожденного ребенка, либо внести третий вариант позитивного самоназвания в графу "Пол" для интерсексуальных людей.


via newsru.co.il & queer.de

„Hören Sie, kommen Sie mir jetzt nicht mit Menschenrechten!“

veröffentlicht um 14.01.2016, 10:38 von W K   [ aktualisiert: 14.01.2016, 14:27 ]

Interview mit dem Initiator des Gesetzesentwurfs über „die öffentliche Bekundung nicht traditioneller Beziehungen“ in Russland

Original - https://meduza.io/feature/2016/01/14/slushayte-da-ne-nuzhno-pro-prava-lyudey14. Januar 2016 – Meduza 


Kommende Woche befasst sich die Staatsduma in erster Lesung mit einem Gesetzesentwurf, der „die öffentliche Bekundung nicht traditioneller Beziehungen“ unter Strafe stellen soll. Die Abgeordneten wollen eine Ergänzung des Gesetzbuches über Verwaltungsstrafen vornehmen: Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar sich auf der Straße umarmt oder küsst, so wird es bestraft. Sollte es zu einer derartigen Gefühlsdemonstration in Bildungs- oder Kultureinrichtungen kommen, ist eine Inhaftierung von bis zu 15 Tagen vorgesehen. Eingebracht wurde der Gesetzesentwurf von einem Abgeordneten der Kommunistischen Partei. Meduza-Sonderkorrespondent Danil Turowski hat sich mit einem der Initiatoren, dem Abgeordneten Iwan Nikitschuk, unterhalten.


  • Warum haben Sie beschlossen, einen solchen Gesetzesentwurf einzubringen?
  • Sie sind doch ein normaler Mensch, oder? Meiner Meinung nach hat die Natur Mann und Frau geschaffen, um ein Paar zu bilden. Auch überall in der Tierwelt gibt es Paare. Ja sogar bei den Pflanzen ist das so: Da gibt es den Stempel und das Staubblatt. Aber kranke und abnormale Leute haben beschlossen, dass ihre sexuellen Probleme auch anders gelöst werden können. Das sind deren psychische Abweichungen von Verhaltensnormen und der natürlichen Bestimmung. Wir verbieten mit diesem Gesetz nicht, sich „damit“ zu beschäftigen – Staubblatt an Staubblatt, sollen sie das doch unter der Bettdecke tun – aber ihre teuflischen Triebe, die uns vom Westen aufgezwungen werden, zur Schau zu stellen...  Tut mir Leid, aber das hier ist Russland. Wir haben ein Land, wo Traditionen immer geachtet wurden, wo es Gewissen und Schamgefühl immer gab und geben wird. Und all diese sich küssenden bärtigen Männer bringen uns höchstens zum Kotzen, sonst nichts...

  • In Ihrem Gesetzesentwurf steht geschrieben, dass die Zurschaustellung von Homosexualität an öffentlichen Plätzen bestraft wird. Was verstehen sie darunter? Den Eingang eines Wohnhauses? Den Balkon, der von Nachbarn eingesehen werden kann?
  • Öffentliche Plätze sind Plätze, an denen du nicht alleine bist: auf der Straße, in der U-Bahn usw.

  • Und was soll dann passieren? Menschen gehen die Straße entlang, halten Händchen oder küssen sich. Kommt dann die Polizei und nimmt sie fest?
  • Natürlich. So soll das sein.

  • Für Liebe kommt man hinter Gitter?
  • Naja, wenn das Liebe ist... Meinen Sie, dass ein Mann einen anderen Mann liebt? Nennt man das Liebe?

  • Ist das denn unmöglich?
  • Ich denke, das ist unmöglich. Für normale Leute ist das nicht möglich. Für kranke, pervertierte Menschen schon.

  • In Ihrem Gesetzesentwurf weisen Sie darauf hin, dass Homosexuelle eine ernstzunehmende Bedrohung für Staat und Gesellschaft darstellen? Wieso das?
  • Nicht umsonst wird diese Sache vom Westen ziemlich großzügig finanziert und nach Russland, in unser Bewusstsein eingeführt. Die Jugend wird verführt, desorientiert, die Geburtenrate trägt Schaden davon. All das ist durchdacht.

  • Sie zitieren in Ihrem Gesetzesentwurf auch Hillary Clinton: „Schwulenrechte sind Menschenrechte“...
  • Hören Sie mal, kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit Menschenrechten. Das wird ja absurd. Es gibt auch Leute, die sich gerne in aller Öffentlichkeit anpinkeln. Schützen wir doch auch ihre Rechte. Diese Menschenrechte haben uns ad absurdum geführt. Vor allem den Westen. Sehen Sie mal, was in Köln los ist! Da haben Sie Ihre Menschenrechte.

  • Wenn ich Sie richtig verstehe, halten Sie Homosexuelle für psychisch abnormale Menschen.
  • Sie sind doch ein normaler Mensch, oder? Wenn Sie einen Mann sehen, tut sich da was in Ihrer Hose, um es dem Typen von hinten zu geben? Ist das für Sie etwa normal?

  • Ich halte Homosexuelle genauso für Menschen, wie alle anderen.
  • Ich wünsche Ihnen alles Gute.

Danach legte der Dumaabgeordnete Iwan Nikitschuk auf.

Danil Turowski
Moskau

Übersetzung von Mathias Althaler für Quarteera e.V.

LGBTIQ-Begegnungsstätte in Samara

veröffentlicht um 25.03.2015, 12:54 von W K   [ aktualisiert: 25.03.2015, 13:01 ]

Begegnungsstätte für LGBTIQ in der russischen Stadt Samara eröffnet und sucht Freunde und Verbündete.

Am 21. März 2015 wurde das Zentrum „Wolga“ eröffnet – die erste Begegnungsstätte in Samara, die LGBTIQ und ihren Freunden als sicherer Rückzugsort dienen soll. Die Räumlichkeiten des Zentrums sind nicht nur als kreativer Ort für Treffen, Veranstaltungen, Seminare und Trainingskurse gedacht, sonder auch als Möglichkeit zum ungezwungenen Beisammensein. Hier kann sich jede und jeder einbringen. In diesem Haus können sich aber genauso Freunde treffen, die keine LGBTIQ und uns unterstützen, oder auch Freizeitgruppen, die eine geeignete Räumlichkeit suchen. Die Einrichtung einer solchen Begegnungsstätte gehörte zu den Hauptaufgaben, die sich „Avers“, eine regionale LGBT-Vereinigung in Samara, 2013 vorgenommen hatte, und die nun umgesetzt wurde.


Abbildung: Alexandra Kornejewa, Geschäftsführerin des Zentrums, schneidet symbolisch ein Regenbogenband zur Eröffnung durch. Foto: Vera Kruschkina

Zur Einweihungsfeier fanden sich etwa 40 Teilnehmer ein, die wunderbare Geschenke mitgebracht hatten: Möbel, Stofftiere, Blumen, Süßigkeiten, aufmunternde Worte und schier unendlich positive Emotionen.


Die Moderatorin der Feier, Alina Alijewa, und die Geschäftsführerin des Zentrums, Alexandra Kornejewa, zünden Regenbogenkerzen auf einer Torte „Schlawiner“ an, die die Gäste aus Sankt Petersburg mitgebracht hatten. Foto: Vera Kruschkina

Zur Eröffnungsfeier waren sowohl Besucher aus der Region (Samara und Toljatti) gekommen als auch Gäste aus Sankt Petersburg angereist, unter ihnen Tatjana Winnitschenko, Ratsvorsitzende des Russischen LGBT-Netzwerks und Igor Kotschetow, Ratsmitglied des Netzwerks, sowie die Koordinatorin der Vereinigung der Familienpsychologen in der Wolga- und Uralregion, Оxana Nikolas http://family-samara.ru, und Michail Tumasow, Mitarbeiter und Berater von IREX Europe.


Tatjana Winnitschenko gratulierte mit sehr bewegenden Worten: „Wisst ihr, es gibt leider nur wenige Städte, die einen Freiraum wie diesen bieten, in dem sich LGBT treffen und wohlfühlen können. Wo man Gleichgesinnte findet, die einem vertrauen und denen man vertrauen kann. Dafür lohnt es sich, und das ist heutzutage viel wert. Ich wünsche diesem Zentrum für die Community viele Jahre seiner Existenz und dabei nicht nur gutes Gelingen, sondern dass es sich richtig wirkungsvoll entfalten möge. Das Wichtigste habt ihr ja bereits – Mitstreiter, die bereit sind sich einzubringen und auf die man sich verlassen kann. Und gemeinsam könnt ihr eine Menge bewegen.“

Als nächster Gratulant sprach Igor Kotschetow: „Wie Tatjana schon gesagt hat, gibt es bei uns nur wenige Städte mit Anlaufstellen für LGBTIQ. Zu ergänzen wäre noch, dass es solche Zentren bis vor Kurzem überhaupt nicht gegeben hat. Und ich bin auf unser Russisches LGBT-Netzwerk stolz, das die Einrichtung solcher Zentren in vielen Städten stark unterstützt hat; in Zukunft werden noch weitere folgen. Gleichzeitig bin ich sehr von all dem beeindruckt, was ihr bereits erreicht habt. Ihr habt euch wahrlich selbst übertroffen. Auch wenn wir alle, zumindest aber viele, in der heutigen Zeit angesichts der Entwicklung im Lande zunehmend deprimiert sind, entwickeln wir uns trotzdem weiter, und das heißt, dass wir das alles überwinden werden. Ich wünsche euch also viel Erfolg und dass ihr zusammenhalten werdet. Ihr habt jetzt euren eigenen Ort, und das ist unglaublich wichtig.“

Der Reigen der Gratulationen ging dann Michail Tumasow über, Mitgründer von „Avers“: „Ich denke, in Ergänzung zu den Szeneklubs muss es in dieser Stadt auch einen sicheren Rückzugsort für Begegnungen von LGBTIQ geben. Ich wünsche euch, dass dieses Zentrum eine Insel der Sicherheit, Wärme und Hoffnung, von Frieden und Ruhe sein wird, – ein Ort, an dem ihr euch aufgehoben fühlt. Ich danke euch sehr für euer Engagement, denn ihr seid es, auf die wir bauen. Gleichzeitig ist dies erst der Anfang; vor uns liegt eine gewaltige Menge Arbeit – sowohl hier in der Gruppe als auch für jeden Einzelnen.“

Danach gab es noch ein Quiz zu LGBT-Filmen und einen Kreativwettbewerb zum Entwurf eines Logos für das neue Zentrum. Die Feier klang mit einem geselligen Beisammensein aus, bei dem unter anderem die „Welt des Regenbogens“ gespielt wurde – ein Brettspiel, das sich die Omsker Kolleg_innen ausgedacht haben.


Ein Veranstaltungsplan und Neuigkeiten von der sozialen Begegnungsstätte „Wolga“ in Samara werden in den Gruppen in den sozialen Medien sowie auf der Website des Russischen LGBT-Netzwerks zu finden sein. "Wolga" hat sonntags von 14 bis 21 Uhr geöffnet. Wer den Standort noch nicht kennt, schreibt am besten eine E-Mail. Das "Wolga"-Team meldet sich auf jeden Fall zurück. 

Für den Aufenthalt im Zentrum gelten einige Regeln, darunter vor allem gegenseitiger Respekt, ein absolutes Alkoholverbot auf den Treffen sowie Zutritt zu Veranstaltungen nur für Volljährige.

"Wolga" dankt allen, die an diesem denkwürdigen Tag dabei waren, und freut sich auf nächste Besuche und neue )auch internationale) Kontakte!

Kontakt: samaralgbt@gmail.com 

VK-Gruppe: https://vk.com/lgbtsamara

Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/groups/lgbtsamara/


Original -http://www.lgbtnet.ru/en/content/community-center-lgbtiq-was-opened-samara

Übersetzung - Quarteera e.V.

Wie die Gründerin des Projektes „Children 404“ wegen Homopropaganda bestraft wurde

veröffentlicht um 03.02.2015, 08:50 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 03.02.2015, 08:51 ]

„Sie muss geschlossen, vernichtet und für alle Zeiten getilgt werden“ – Wie die Gründerin des Projektes „Children 404“ wegen Homopropaganda bestraft wurde

Aus: www.meduza.io vom 26.01.2015. Übersetzung: Robert Leichsenring / Quarteera e.V.

Am 23.Januar 2015 verurteilte ein Gericht in Nischnij Tagil (Uralgebiet) die Gründerin des Projektes „Children 404“ Elena Klimowa (26) zu einer Geldstrafe von 50.000 Rubeln (knapp 650 Euro). Der Schuldspruch erfolgte auf Grundlage des Gesetzes über die „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen“. „Children 404“ ist eine Gemeinschaft, in der sich homosexuelle Jugendliche über ihre Erlebnisse austauschen, sich Ratschläge geben und Unterstützung durch ehrenamtliche Psychologen erhalten.  Initiiert wurde das Verfahren durch Aktivisten der „Jungen Garde“ [Jugendorganisation der Regierungspartei „Einiges Russland“. Anm. d. Übsers.], die nun versuchen werden, eine Blockade der Gruppe in den sozialen Netzwerken zu erreichen.  Im Folgenden soll daran erinnert werden, was das Projekt „Children-404“ ausmacht und wie Elena Klimowa schon zuvor verfolgt worden ist.

Im November 2014 erhielt Elena Klimowa eine E-Mail vom Roskomnadsor, [der russischen Aufsichtsbehörde für Massenmedien, Telekommunikation und Datenschutz. Anm. d. Übers.] mit dem Hinweis, in nächster Zeit nach Moskau zu kommen, um dort ein „Protokoll über eine Ordnungswidrigkeit“ zu erstellen. An Elenas Stelle reiste deren Anwalt Dmitrij Bartenew nach Moskau und wohnte dort der Abfassung des Dokumentes bei. Hierbei wurde deutlich, dass Elena ein Verstoß gegen § 6.21 des Ordnungswidrigkeitsgesetzbuches der Russischen Föderation vorgeworfen wird, welcher die „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen“ verbietet. Initiatoren der Anzeige sind Aktivisten der „Jungen Garde des Vereinigten Russlands“. Deren Mitglied und Leiter der Unterorganisation „Mediagarde“, Ilja Podsewatkin, ist zugleich Hauptzeuge. Podsewatkin hatte zuvor schon Google und Yandex angezeigt, deren Suchmaschinen von der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor indizierte Suchbegriffe auswarfen. 

Im Protokoll hieß es unter anderem: „Die Gemeinschaft stellt eine [im Internet, Anm. d. Übers.] frei zugängliche Benutzergruppe dar, in der öffentlich die Erlebnisse von Minderjährigen mit nichttraditioneller sexueller Orientierung besprochen und verschiedene Ratschläge gegeben werden.“ Zudem gab Podsewatkin zu Protokoll, dass „auf den Seiten der Gemeinschaft Materialien publiziert sind, die nichttraditionelle sexuelle Beziehungen propagieren.“ Im Protokoll werden außerdem Mitglieder der Gruppe „Children 404“ zitiert, die sich zu ihrer eigenen Homosexualität bekennen. Die Beamten kommen zu dem Schluss, dass „die Materialien dazu geeignet sind, bei Kindern die Vorstellung hervorzurufen, Schwulsein bedeute ein mutiger, starker, selbstsicherer und standfester Mensch mit einem Gefühl für den eigenen Selbstwert zu sein.“

 „Children 404“ – Geschichte der Verfolgung

Das Projekt „Children 404“ entstand aus einer Reihe von Beiträgen von Elena Klimowa, die im Frühjahr 2013 auf den Seiten der russischen Medienagentur „Rosbalt“ erschienen waren und sich mit dem Verbot von „Homo-Propaganda“ auseinandersetzen. Elena, die bereits bei mehreren Verlagen als Redakteurin tätig war, befragte dazu Dutzende homosexuelle Jugendliche und fand dabei heraus, dass diese kein Forum zu gegenseitigem Austausch und Unterstützung besaßen. Daraufhin gründete Elena im russischen Facebook-Pendant „VKontakte“ eine geschlossene Gruppe und bereits kurze Zeit später bekam sie Briefe von homosexuellen Jugendlichen, in denen diese über ihre eigenen Erfahrungen berichteten, sich outeten, von ihren Problemen schrieben oder um Hilfe baten. Mit einem Teil dieser Jugendlichen hatte sie bereits während ihrer Arbeit für die Artikelreihe in Kontakt gestanden. Die Briefe veröffentlichte Elena anonym innerhalb der Internet-Gruppe. Ende 2013 drehten die russischen Regisseure Askold Akurow und Pawel Loparew einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Children 404“, der ebenfalls auf Interviews mit LGBT-Jugendlichen basiert.

Ein halbes Jahr nach Gründung der Gruppe hatte diese bereits rund 10.000 Mitglieder und wurde immer bekannter, was jedoch auch Gegner auf den Plan rief. Mitglieder der Gruppe „Occupy Pedophilia“ [eine vom Rechtsextremisten Maxim Martsinkewitsch gegründete Bande, die vermeintlich pädophilen Männern auflauert und sie vor laufenden Kameras bloßstellt. Anm. d. Übers.] veranstalteten eine Hetzjagd auf Elena und auch der Abgeordnete der St. Petersburger Stadtduma Witalij Milonow wurde auf das Projekt und seine Gründerin aufmerksam. Auf seine Anzeige hin wurde im Januar 2014 erstmals wegen eines Verstoßes gegen das „Homo-Propaganda-Gesetz“  ermittelt. Milonow erklärte damals, dass „diese Gruppe geschlossen, vernichtet und für alle Zeiten aus den sozialen Netzwerken Russlands getilgt werden muss.“ Elena wurde jedoch freigesprochen, da es gelang, dass Gericht davon zu überzeugen, dass sie lediglich als Administratorin, nicht jedoch als Verantwortliche für die Gruppe tätig sei. 

In dieser Zeit wuchs das Projekt immer weiter und im Herbst 2014 konnte Elena mit Hilfe von Crowdfunding-Mitteln (und Finanzierung von Quarteera e.V., Anm. d. Übers.) ein Buch publizieren. Unter dem Titel „Children 404“ erschienen Berichte der Jugendlichen zu ihren Erfahrungen mit Selbsterkenntnis, Coming-out und Diskriminierung. Im Dezember berichtete Elena, dass sie in der Zeit seit der Gründung von „Children 404“ insgesamt 2433 Briefe von Jugendlichen erreicht hätten und die Gruppe inzwischen auf 45.000 Mitglieder angewachsen sei. Für das Projekt arbeitet inzwischen eine ganze Reihe ehrenamtlicher Psychologen, die sich mit den Jugendlichen per Skype oder E-Mail austauschen.

Die Gerichtsverhandlung gegen Elena Klimowa

Das durch die „Junge Garde“ initiierte Ordnungswidrigkeitsverfahren fand am 23. Januar 2015 in Nischnij Tagil statt.

Nach Aussage von Elena Klimowa gestaltete sich die Verhandlung folgendermaßen: Die Richterin Ljudmilla Pedan begann die Sitzung mit einem Zitat aus einem Brief in der Gruppe:

„Wenn Religion dich unglücklich macht und dich zwingt, dich selbst als Unheil anzusehen, ist es dann nicht besser, sich von ihr loszusagen? Du kannst deine Weltanschauung ändern, deine sexuelle Orientierung zu ändern liegt jedoch nicht in deiner Macht. Ich brauche keinen Gott, der es mir nicht erlaubt zu lieben.“

Zudem zitierte die Richterin aus dem vom Roskomnadsor erstellten Protokoll, in dem es hieß: „Die Kommentare [unter dem von der Richterin zitierten Brief, Anm. d. Übers.] rufen einen gläubigen Jugendlichen dazu auf, sich von Gott abzuwenden und sich stattdessen der Homosexualität hinzugeben. Dies verletzen zweifellos die Glaubensfreiheit der Bürger.“

„Was sagen Sie dazu?“ fragte die Richterin Elena Klimowa. „Bei den Kommentaren handelte es sich um Antworten auf einen Brief eines gläubigen Mädchens, die über Selbstmord nachdachte“ antwortete Elena. „Unter diesem Brief gab es zahlreiche Kommentare und eben auch solche. Sie verletzen nicht die Glaubensfreiheit, denn laut Verfassung hat jeder das Recht auf freie Wahl der Religion oder den Verzicht auf diese. Das wichtigste war es doch, einen Selbstmord zu verhindern.“ „Sie empfehlen also bei der Wahl zwischen Sodomie[1] und Selbstmord den Jugendlichen die Sodomie?“ „Wenn die Wahl sich so stellt, gibt es keine andere Variante.“ So Elena. „Das Mädchen“, so die Richterin „hat doch ihre Wahl schon getroffen. Sie sagt, für sie sei es eine furchtbare Sünde, mit der sie keinen Frieden findet.“ „Und genau deshalb“, lies Elena wissen, „hat man ihr vorgeschlagen, sich von der Religion, die den Gedanken an Selbstmord erst in ihr aufkommen ließ, loszusagen. Oder wäre ein Suizid besser gewesen?“ „Wieso“, fragte daraufhin die Richterin, „ist Sodomie etwa besser?“

Und weiter wollte die Richterin wissen: „Warum hören Sie nicht auf jene, die Sie kritisieren? Warum hören Sie nicht auf die vernünftige Kritik etwa der ‚Jungen Garde‘?“ Hierauf antwortete Elena, dass es schwierig sei auf Kritik zu hören, wenn sie in Form von Formulierungen wie „Euch müsste man verbrennen“ oder „Erschießen!“ daherkäme. 

Die Richterin befand Elena Klimowa für schuldig und erließ eine Strafe von 50.000 Rubeln (knapp 650 Euro).

Was wird aus „Children 404“

Die Aktivisten der „Jungen Garde“ ließen verlauten, dass „die Administratoren solcher Gemeinschaften nicht weiter die Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen unter dem Deckmantel guter Absichten verstecken dürfen“. Laut der Zeitung „Vedomosti“ beabsichtigt die „Junge Garde“ eine Anfrage an die Generalstaatsanwaltschaft zu senden mit der Bitte, die Online-Gemeinschaft zu sperren. Deren Pressesprecher ließ verlauten, dass man die Begründung des Gerichts abwarten werde, bevor man eine Entscheidung treffen würde. Der Leiter des Projektes Rublacklist.net, Artem Kosljuk erklärte jedoch in der „Vedomosti“, dass „die Generalstaatsanwaltschaft lediglich jene Ressourcen blockiert, die Terrorismus und Extremismus propagieren. Die Sperrung der angesprochenen Ressource gehört jedoch nicht zu ihrem Aufgabengebiet.“  

„Wenn die Gruppe „Children 404“ geschlossen werden sollte, dann würden die LGBT-Jugendlichen den einzigen Ort verlieren, an dem sie über sich sprechen können und Hilfe bekommen, die ihnen das Leben ermöglicht.“ Das sagte Elena Klimova, als im Februar 2014 die erste Verhandlung gegen sie geführt wurde. „Der § 6.21 [der berüchtigte Homo-Propaganda-Artikel. Anm. d. Übers.] wurde so formuliert, dass jedwede Erwähnung von LGBT ohne negativen Anstrich als Propaganda ausgelegt werden kann“ sagte Elena später in einem Interview mit der „Swobodnaja Tribuna“. „Was wollen die denn? Dass wir schweigen und das Thema überhaupt nicht ansprechen? Wir schließen die Augen und schon gibt es keine Bisexuellen, Lesben und Schwule mehr? ‚Children 404‘ ist leider eine sehr treffende Bezeichnung. Bald werden wir zu ‚Children 403‘ – Fehler 403 – Zugriff verweigert.“   

Elena sagt selbst, sie wisse nicht was nun zu erwarten sei. „Die Aufsichtsbehörde könnte fordern, dass widerrechtlicher Content gelöscht werden muss. Wenn das so ist, machen wir das. Doch denen gefällt ja die Gruppe als Ganzes nicht.“ Darum wird Elena in Berufung gehen.



[1] Unter dem Begriff „Sodomie“ versteht man in Russland sexuelle Kontakte mit Tieren, als auch (seltener) Analverkehr. Als (neutraler) Oberbegriff für Homosexualität ist dieser Begriff auch in Russland nicht (mehr) gebräuchlich. Die Verwendung des Begriffs „Sodomie“ durch die Richterin zeugt nicht nur von deren Unkenntnis der Thematik sondern stellt auch eine Wertung dar. Anm. d. Übers.  

Eine Erläuterung der neuen Kriterien zur Fahrtauglichkeit

veröffentlicht um 16.01.2015, 07:34 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 16.01.2015, 07:40 ]

Die Juristin Xenija Kiritschenko ist Vorsitzende des russischen Rechtshilfeprojekts für Transgender sowie Ratsmitglied im russischen LGBT-Netzwerk und Programmkoordinatorin der Sankt Petersburger LGBT-Initiativgruppe „Wychod“ (Coming-out). In dem folgenden Artikel erläutert sie, welche Konsequenzen sich für Transgender aus der neuen Verordnung der russischen Regierung zur Fahrtauglichkeit ergeben.

UPD: zum aktuellen Stand der Debatte: http://www.queer.de/detail.php?article_id=23032


Anfang Januar 2015 meldeten russische und internationale Medien, dass neuerdings für bestimmte Gruppen aus der LGBTQI-Community (wobei der Kreis der konkret Betroffenen in den Meldungen variierte), darunter für transsexuelle Menschen, Verbote drohen könnten, ein Fahrzeug zu führen. Da ich mich hauptberuflich für den Schutz der Rechte dieser Bevölkerungsgruppe – für LGBTQI insgesamt und insbesondere für Transgender – einsetze, lag es nahe, dass ich mir die Sache einmal gründlicher ansehe. Denn es wichtig, dass nicht nur Journalisten, die genauer verstehen wollen, was die russischen Behörden diesmal verboten haben, sondern auch Betroffene, die befürchten, in eine neue Mühle der Diskriminierung und der Verletzung ihrer Rechte zu geraten, hierüber Bescheid wissen.

1. Um welches Dokument handelt es sich eigentlich?

Am 29. Dezember 2014 hat die Regierung der Russischen Föderation die Verordnung Nr. 1604 „Verzeichnisse medizinischer Gegenanzeigen, medizinischer Indikationen und medizinischer Einschränkungen zum Führen eines Fahrzeugs“ angenommen.
Dabei handelt es sich um eine Durchführungsverordnung zum Föderalen Gesetz „Über die Sicherheit im Straßenverkehr“, auf das ich später noch eingehen werde. Sie enthält drei Listen mit Zustandskriterien, die dazu führen können, dass die Betroffenen nur noch mehr oder weniger eingeschränkt ein Fahrzeug führen dürfen (wegen dieser Einschränkungen darf einem jedoch beispielsweise nicht bei einer Verkehrskontrolle der Führerschein entzogen werden, es handelt sich vielmehr um ein Verfahren zur medizinischen Begutachtung und die damit verbundenen Anforderungen).

Und zwar gibt es drei beschlossene Listen. Die Liste „Medizinische Gegenanzeigen zur Fahrtauglichkeit“ enthält vier Gruppen von Personenzuständen:

 psychische und Verhaltensstörungen (bei chronischen und langwierigen psychischen Störungen mit schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen);

 psychische und Verhaltensstörungen durch Konsum von psychoaktiven Substanzen (bis zur Beendigung der vorbeugenden Beobachtung und bei anhaltender Remission [Gesundung]);

 Krankheiten des Nervensystems (nur eine Erkrankung: Epilepsie);

 Krankheiten des Auges und seiner Anhangsorgane (Achromatopsie [1] und Erblindung auf beiden Augen).

Bei der ersten Zustandsgruppe (wichtig hierbei das Eingeklammerte „bei chronischen und langwierigen psychischen Störungen mit schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen“) handelt es sich um sechs von elf psychiatrischen Diagnosegruppen (genauer um Diagnosen „psychischer und Verhaltensstörungen“) laut ICD-10, also der internationalen Klassifikation der Krankheiten (russisch МКБ-10). Dazu gehören auch die berüchtigten „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen im Erwachsenenalter“ (F60–F69 inklusive der Diagnose F64.0 „Transsexualismus“).

Diese Liste enthält jedoch nicht Homosexualität, da dieses Merkmal bereits 1990 aus der ICD gestrichen wurde, womit Spekulationen, ob auch Schwule und Lesben nun nicht mehr Auto fahren dürfen, sich von vornherein erledigt haben. Was Transgender angeht, siehe weiter unten.

2. Bringt die verabschiedete Regelung viel Neues mit sich?

Die gute Nachricht ist, dass die Regierung nichts wesentlich Neues eingeführt hat. Es gibt keine neuen Einschränkungen – zumindest nicht für Transgender. Um dies zu verstehen, muss man sich das gesetzgeberische System zum Verhalten im Straßenverkehr ansehen. 
Für unsere Belange sind vor allem zwei Gesetze bedeutsam, die größere juristische Kraft haben als ein normativer Rechtsakt wie die hier betrachtete Durchführungsbestimmung der Regierung.
Zum einen handelt es sich um das Gesetz der Russischen Föderation „Über psychiatrische Hilfe und die garantierte Einhaltung der Bürgerrechte bei ihrer Ausübung“. Es regelt die Einhaltung der Bürgerrechte in der Psychiatrie. Artikel 6 dieses Gesetzes enthält Einschränkungen zur Ausübung einiger Berufsarten und von Tätigkeiten, von denen eine erhöhte Gefahr ausgeht. Der Artikel sieht die Möglichkeit vor, dass eine Person infolge einer psychischen Störung für ungeeignet erklärt wird, bestimmte Tätigkeiten (darunter das Führen eines Autos) auszuüben, von denen eine erhöhte Gefahr ausgeht. Jedoch ist es wichtig, dabei folgende Aspekte zu betonen:

 Die betreffende Person darf nur von einer Ärztekommission der dafür zuständigen medizinischen Organisation als fahruntauglich erklärt werden.

 Die Kommission ist verpflichtet, den individuellen Zustand einer Person einzuschätzen, bei der eine Diagnose laut Verzeichnis der medizinisch-psychiatrischen Gegenanzeigen vorliegt.

 Der Kommissionsbeschluss kann vor Gericht angefochten werden.

 Das Verzeichnis medizinischer Gegenanzeigen muss mindestens einmal alle fünf Jahre unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse überprüft werden.

Das zweite Gesetz ist das Föderale Gesetz „Über die Sicherheit im Straßenverkehr“. Es enthält zwei interessante Artikel für unsere Betrachtungen: Artikel 23 „Medizinische Gewährleistung der Sicherheit im Straßenverkehr“ und Artikel 23.1 „Medizinische Gegenanzeigen, medizinische Indikationen und medizinische Einschränkungen zum Führen von Fahrzeugen“.
Beide Artikel verpflichten dazu, vor dem Erhalt oder Umtausch sowie bei Verlust des Führerscheins eine medizinische Begutachtung vornehmen zu lassen. Ziel der obligatorischen medizinischen Begutachtung ist es festzustellen, ob bei Führerscheininhabern/-innen (und Fahrschüler/-innen) medizinische Gegenanzeigen, Indikationen oder Einschränkungen zum Führen von Fahrzeugen vorliegen. Als medizinische Gegenanzeigen zum Führen von Fahrzeugen gelten Erkrankungen (und Zustände), die es verhindern, ein Kraftfahrzeug zu steuern.

Das Ende 2014 verabschiedete Verzeichnis von Erkrankungen und Zuständen, die zu bestimmten Einschränkungen der Fahrtauglichkeit führen können, ist nicht das erste seiner Art.1993, vor fast zwölf Jahren, hatte der Ministerrat der Russischen Föderation die Anweisung Nr. 377 „Über die Umsetzung des Gesetzes der Russischen Föderation mit dem Titel „Über psychiatrische Hilfe und die Einhaltung der Bürgerrechte bei ihrer Ausübung“ beschlossen. Diese Anweisung ist bis heute gültig und enthält ein Verzeichnis medizinisch-psychiatrischer Gegenanzeigen zur Ausübung einiger Berufstätigkeiten (von der Chemikalienherstellung über das Führen von Beförderungsmitteln bis zur Lehrtätigkeit, welche „mit einer Überanstrengung des Stimmapparats“ einhergeht) sowie zu Tätigkeiten, von denen eine erhöhte Gefahr ausgeht (darunter das Führen von Kraftfahrzeugen). Die Anweisung unterteilt in allgemeine Einschränkungen (hierzu zählen die bereits bekannten „chronischen und langwierigen psychischen Störungen mit schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen“) sowie in Einschränkungen besonderer oder zusätzlicher Art (etwa konkrete Diagnosen, die konkrete Tätigkeitsarten verhindern).
Somit konnten psychiatrische Diagnosen, die in der hier betrachteten neuen Anweisung aufgeführt sind, bereits auch früher dazu dienen, eine Fahrerlaubnis einzuschränken, sofern diese Diagnosen „mit schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen“ einhergingen. In dieser Hinsicht hat die Verordnung von 2014 nichts Neues erbracht, sondern nur das Verzeichnis der „psychiatrischen“ Diagnosen präzisiert.

3. Unter welchen Umständen und durch wessen Mitwirkung kam die neue Verordnung zustande, und warum wurde das Merkmal „Transsexualismus“ aufgenommen?

Obwohl die neue Verordnung eigentlich nichts Neues für bereits bestehende Regelungen erbracht hat, sollte man zum vollständigen Verständnis dessen, was passiert ist, einmal hinterfragen, unter welchen Umständen der Text samt Verzeichnissen entstanden ist, den die Regierung in der Folge beschlossen hat. Seine Entstehungsgeschichte ergibt nämlich ein weitaus bedrückenderes Bild.

Phase eins. Das Projekt der Anweisung wurde von inneren Zirkeln des Gesundheitsministeriums ausgearbeitet. Verantwortlich waren der Beamte Georgi Alexandrowitsch Gubanow und die Organisationsabteilung für Notfallmedizin und Gutachtertätigkeit.
Eine erste Projektfassung des Verzeichnisses der Gegenanzeigen zur Fahrtauglichkeit umfasste weniger als eine Seite, wobei die Gruppe der für uns relevanten Gegenanzeigen („psychische und Verhaltensstörungen [chronische und langwierige psychische Störungen mit schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen]“) vier (und nicht sechs!) Diagnosegruppen „psychischer und Verhaltensstörungen“ laut ICD-10 enthielt, und zwar:

 organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (F00–F09);
 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen (F20–F29);
 affektive Störungen (F30–F39);
 Intelligenzminderung (F70–F79).

Phase zwei. Wie heutzutage üblich, veröffentlichte das Gesundheitsministerium auf seiner Website das Projekt dieser Anweisung mit einem knappen Begleittext (in diesem wurde unter anderem in Aussicht gestellt, dass mithilfe der vorgeschlagenen Verzeichnisse die Todesfallrate bei Verkehrsunfällen bis 2020 auf 10 pro 100.000 Einwohner gesenkt werden könne), und es bat die Öffentlichkeit, das Projekt innerhalb von 15 Tagen zu kommentieren.
Die Öffentlichkeit reagierte darauf in Form von einem Dutzend Bürgern, die ihre Kommentare abgaben, zum Beispiel zur übermäßigen Diskriminierung durch Einschränkungen bei Personen mit Sehschwächen. Eine Bürgerin T. Gurjanowa, über deren besondere Qualifikation oder Erfahrung zum Thema nichts weiter bekannt ist, empfahl den Beamten, das Verzeichnis der psychiatrischen Gegenanzeigen um zwei weitere Gruppen aus der ICD-10 zu ergänzen:

 die Diagnosen F40–F49 – neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (laut T. Gurjanowa „gehören zu diesem Abschnitt schwere psychische Störungen, die zu einem anhaltenden Verlust der Arbeitsfähigkeit führen, zum Beispiel eine neurotische Persönlichkeitsentwicklung“) und
 die Diagnosen F60–F69 – Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen im Erwachsenenalter (T. Gurjanowa merkte dazu an: „Dieser Abschnitt umfasst Persönlichkeitsstörungen, die so stark beeinträchtigend sind, dass sie sowohl zum Verlust der Arbeitsfähigkeit als auch zu Gegenanzeigen für das Bedienen eines Fahrzeugs führen“).

Dann fanden sich noch so honorige Bürger wie O.W. Skopinzew und A.N. Lebedew, die erklärten, dass „die vorgesehenen psychiatrischen Gegenanzeigen inakzeptabel seien“ und „Einschränkungen nur auf Personen anzuwenden sind, die an anhaltenden und schweren, häufig sich verstärkenden psychischen Erkrankungen leiden, welche unter der Beobachtung eines Psychiaters stehen; in allen anderen Fällen muss über die Zulassung zum Straßenverkehr ganz individuell entschieden werden“; doch ihre Vorschläge blieben unberücksichtigt.

Phase drei. Im Unterschied dazu wurden die Vorschläge von T. Gurjanowa angenommen, sodass die Endfassung des Verzeichnisses der Gegenanzeigen sechs von elf F-Diagnosegruppen aus der ICD enthielt, darunter die berüchtigte Diagnose F64.0 – „Transsexualismus“.

4. Wie das Ganze funktionieren soll

Zunächst lässt sich feststellen, dass die beschlossene Verordnung kein direktes Verbot oder eine automatische Beschränkung der Fahrerlaubnis für Transgender und Transsexuelle enthält. Aber ist es dennoch möglich, dass die Verordnung als neues Phänomen zu solchen Einschränkungen in der Praxis hinzugezogen werden wird? Ich behaupte mal kühn: wohl kaum.

Erstens enthält das Verzeichnis, wie schon erwähnt, besagte Diagnose nicht an sich als Gegenanzeige. Als Gegenanzeige gelten die darin aufgezählten Diagnosen in Verbindung mit „chronischen und langwierigen psychischen Störungen mit schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen“ unter der Bedingung, dass dies alles eine Person daran hindert, ein Fahrzeug zu führen. Das Vorliegen solcher Umstände festzustellen, obliegt einzig und allein einem Psychiater.
Und obwohl es in der Psychiatrie keine klaren Kriterien für „anhaltende oder häufig sich verstärkende krankhafte Züge“ gibt, ist es schwer vorstellbar, dass halbwegs zurechnungsfähige Fachleute zu der Auffassung gelangen werden, eine Person mit der Diagnose „Transsexualismus“ würde durch ernsthafte krankhafte Züge derart psychisch gestört, dass sie deshalb kein Auto fahren könne. Dies gilt im Übrigen natürlich nur dann, wenn wir Fälle psychiatrische Zwangseinweisungen außer Acht lassen. Und das wollen wir – zumindest vorerst – noch versuchen.

Zweitens hat noch lange nicht jede Amtsperson das Recht, die beschlossenen normativen Gegenanzeigen bei gegebenem Anlass auf eine konkrete Person anzuwenden. Beispielsweise sind die Mitarbeiter der Staatlichen Straßenverkehrsinspektion bei Verkehrskontrollen keineswegs dazu berechtigt. Einschränkungen dürfen beim Empfang oder Umtausch des Führerscheins ausgesprochen werden, wobei dann nur Ärzte (siehe oben) und nicht die aushändigenden Personen darüber zu befinden haben. Eine weitere Möglichkeit wäre die, dass ein Staatsanwalt bei Gericht Klage einreicht, damit die Gültigkeit des Führerscheins einer betroffenen Person aufgehoben wird, um die Interessen eines unbestimmten Personenkreises zu schützen. Doch auch hier wäre ein fachliches Gutachten ausschlaggebend, das unter drei Voraussetzungen gefällt werden darf – der Diagnose, der krankhaften Auswirkungen und der Untauglichkeit, ein Auto zu fahren.

5. Welche anderen Verzeichnisse in Russland sind in diesem Zusammenhang von Interesse?

Die Geschichte von Einschränkungen der Fahrerlaubnis ist lange nicht der erste Fall, bei dem Menschen mit sogenannten „psychischen Störungen mit schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen“ unter besonderer Beobachtung stehen. In zahlreichen Dokumenten finden sich Hinweise auf solche Krankheitszustände. Einige davon sehen auch Vergünstigungen vor; beispielsweise wurden solche Störungen in das Verzeichnis schwerer Formen chronischer Erkrankungen aufgenommen, bei denen die gemeinsame Nutzung einer Wohnung unmöglich ist (unter bestimmten Voraussetzungen wird dann den betroffenen Familienmitgliedern sozialer Wohnraum zur Verfügung gestellt). Umgekehrt beschränken andere Gesetze – und dabei handelt es sich um den größeren Teil der normativen Masse – die Rechte der Betroffenen. So ist zum Beispiel die Diagnose F64.0 im Verzeichnis der Diagnosen, die die Ausübung von Pflichten privater Sicherheitsleute verbieten, enthalten. Ebenso dienen allgemein gefasste Formulierungen („psychische Störungen mir schweren, anhaltenden oder häufig sich verstärkenden krankhaften Zügen“) für Verbote zum Erhalt eines Waffenscheins oder bei der Ernennung zum Richter.

6. Wer ist schuld an alldem, und was kann man dagegen tun?

Seit dem Beschluss der Verordnung über Gegenanzeigen zur Fahrtauglichkeit haben wir es nicht mit einer eindeutigen Situation zu tun, wie dies vielleicht anfangs noch scheinen mochte. Die Verordnung an sich hindert LGBTQI nicht daran, einen Führerschein zu haben. Theoretisch könnte sie lediglich Transgender und Menschen mit der Diagnose „Transsexualismus“ betreffen. Doch selbst in solchen Fällen würde die Diagnose allein nicht ausreichen. Dennoch gibt es Schlupflöcher, um Transgender zu diskriminieren. Sie sind aber äußerst eng und sehr spezifisch, da sie ein gewissenloses Verhalten von Psychiatern voraussetzen würden. Sollte es tatsächlich zu entsprechenden Rechtsverstößen kommen, wird es notwendig sein, die üblichen juristischen Wege zu beschreiten und die Anwendung der Normen anzufechten – vor einem ordentlichen Gericht, dem Verfassungsgericht, dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte usw. Für rechtlichen Beistand in solchen Fällen stehen zum Beispiel die Juristen des russischen Rechtshilfeprojekts für Transgender zur Verfügung (Pravo.Trans@gmail.com).

Unbeschadet dessen sollte man sich bereits jetzt die generellen Probleme des damit verbundenen Systems vergegenwärtigen.

Problem eins: Wie entstehen Rechtsnormen bei uns, und wer ist daran beteiligt? Das aktuelle Beispiel illustriert deutlich die eklatante Unkenntnis und Inkompetenz bei einem Sachverhalt, den man gesetzlich zu regeln beabsichtigte. Das Gesundheitsministerium ging auf das Ansinnen einer gewissen T. Gurjanowa ein, die aus irgendeinem Grund der Meinung ist, dass Personen mit einem bestimmten Spektrum an Diagnosen (und nicht einmal mit psychischen Störungen) Schwierigkeiten haben könnten, ein Auto zu fahren. Hat irgendjemand die Behauptungen von T. Gurjanowa überprüft und den Bildungsgrad, die Fachkompetenz und die Berufserfahrungen dieser Frau hinterfragt? Das alles sind offene Fragen, die man bereits jetzt dem Gesundheitsministerium und den Verantwortlichen, die für die Ausarbeitung des Projekts der beschlossenen Verordnung waren, stellen könnte.

Problem zwei: Bürgerinitiativen und andere Interessierte sollten Projekte, die eine juristische Regelung vorsehen, näher unter die Lupe nehmen. Schauen wir uns beispielsweise die Projekte des Gesundheitsministeriums an. Im vorliegenden Fall konnte man nicht verhindern, dass Diagnosen wie „Transsexualismus“ in das Projekt aufgenommen werden, da sie von Vertretern der Öffentlichkeit vorgeschlagen und erst nach Ende der öffentlichen Projektdiskussion veröffentlicht wurden. Dennoch besteht die Möglichkeit, dass die Sache sich noch anders entwickelt. Unter anderem stehen noch Entscheidungen zu den folgenden Dingen aus: a) zum Verfahren der Durchführung einer obligatorischen medizinischen Begutachtung, b) zur Form des medizinischen Gutachtens darüber, ob der/die betreffende Führerscheininhaber/-in (Fahrschüler/-in) im Besitz eines Fahrzeugs ist, sowie über medizinische Gegenanzeigen, Indikationen oder Einschränkungen zur Fahrtauglichkeit, und c) zum Ausstellungsverfahren für das medizinische Gutachten. Alle diese Regelungen können
die Lage beeinflussen.

Problem drei: die Pathologisierung/Psychiatrisierung von Transgenderismus. Gegenwärtig erkennt die ICD „Transsexualismus“ als Störung und Diagnose an. Doch weltweit rufen Transgender-Aktivisten, Menschenrechtler und Fachleute dazu auf, diese Position zu revidieren. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass in der neuen ICD-Fassung, die 2017 erscheint, Transsexualität aus dem Abschnitt Psychiatrie gestrichen sein wird. Dafür gibt es gewichtige Gründe. Transgenderismus ist die Genderidentität eines Menschen, wie er/sie das eigene soziale Geschlecht empfindet. Hierbei handelt es sich nicht um eine psychische Störung, die einen Menschen daran hindert, die Bedeutung und Steuerung seiner Handlungen einzuschätzen. Da den Betroffenen aber eine „psychiatrische“ Diagnose erstellt wird, sind Transgender und Transsexuelle mit einer Bandbreite an Stigmata behaftet, weil die Gesellschaft und die Staatsmacht sie als mit defektbehafteter psychischer Gesundheit betrachten.

Problem vier: die Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen, die im Zusammenhang mit ihrer psychischen Gesundheit tatsächlich besondere Bedürfnisse haben. Doch das ist schon wieder ein anderes Thema als der Anlass, aus dem dieser Beitrag entstand.


(1) „Farbenblindheit“ – das Unvermögen, in Farben und daher nur in Schwarz-Weiß zu sehen.


Übersetzung: Tibor Vogelsang / Quarteera e.V.

Quarteera beim RuBERoid-Festival in Berlin

veröffentlicht um 31.10.2014, 07:38 von W K

http://ruberoid-festival.de/

Am 7. und 8. November findet in Berlin das Kreativfestival RuBERoid statt, mit vielen tollen russischsprachigen Künstler_innen, Bands, Schauspieler_innen und vielem mehr. 

Quarteera präsentiert im Rahmen des Festivals unsere 1.80 großen Plakate, die vor 2 Jahren mit Unterstützung der Hirschfeld-Eddy-Stiftung für Sankt-Petersburg gemacht hatten. Auf den Plakaten sind die Dichterin Marina Zwetajewa, der Komponist Petr Tschajkowski, der Tänzer Rudolf Nureew und der Maler Konstantin Somow zu sehen, mit zugeklebten Mündern. Zu lesen sind darauf Ausschnitte aus ihren Werken bzw. Briefen, die von ihren homosexuellen Liebesbeziehungen erzählen. Die Plakate sind entstanden in der Zeit, als das sog. "Propaganda-Gesetz" in Russland noch diskutiert wurde und sollten auf großen Werbeflächen in Sankt Petersburg hängen. Trotz des abgeschlossenen Vertrags hat sich das zuständige Werbefirma geweigert Plakate aufzuhängen, weil das ja als "Werbung für Homosexualität verstanden werden könnte". 
Das und mehr könnt ihr und alle Festivalbesucher_innen am 7. und 8. November beim RuBERoid erfahren. 
Wir freuen uns auf euch!



 



RuBERoid stellt sich vor: "Berlin ist eine Stadt, in der man besser, als sonst irgendwo über Grenzen nachdenken kann. An dem Tag, wo die Stadt und ganz Deutschland den Fall der Mauer feiern, laden wir Sie ein zum Kreativfestival der jungen Kunst mit russischem Akzent RuBERoid. Die kulturelle Vielfalt und der Farbenreichtum, mit welchen Berlin seine Gäste so erstaunt, bestätigen überzeugender als die Handlungen von Politikern die simple Wahrheit, dass Grenzen nur an einem Ort existieren – im Kopf. Von unserem ganzen Herzen und mithilfe aller möglichen Kunstgattungen und künstlerischen Techniken, wollen wir zeigen, wie man mit Grenzen – von Generationen, Gefühlen, Sprachen, kulturellen Klischees und Gender – kreativ umgeht. So, wie ein talentierter Künstler oder Schriftsteller mit den Grenzen der Gattung."


Берлин – город, где о границах получается думать лучше, чем где бы то ни было. Те культурное разнообразие и пестрость, которыми Берлин удивляет своих гостей, подтверждают красноречивее действий политиков простую истину о том, что границы – в головах. В дни, когда город и вся Германия празднуют 25 лет со дня падения Берлинской стены, мы приглашаем вас на молодежный креативный фестиваль RuBERoid. Всем сердцем и при помощи всевозможных жанров и художественных техник, мы хотим показать, как обращаться с границами – поколений, чувств, языков и культурных клише, с гендерными границами – творчески. Как талантливый художник или писатель обращается с границами жанра.


http://ruberoid-festival.de/

Junger Mann nach schwuler Veranstaltung in Minsk halb tot geprügelt

veröffentlicht um 24.10.2014, 03:47 von W K   [ aktualisiert 25.10.2014, 14:50 von QUARTEERA.DE // QUEER auf Russisch ]

23.10.2014 

http://gazetaby.com/cont/art.php?sn_nid=84063 (Oleg Razhkov, Vorsitzender der "LGBT Belarusian Journalis Group")


Der schockierende Zwischenfall wird im Kreis der Angehörigen schon seit Monaten intensiv diskutiert. Endlich haben sich Familie und Freunde dazu durchgerungen, mit Details dieser Tragödie an die Öffentlichkeit zu treten. Ein Exklusivbericht von „Salidarnasc“.

Erstmals dringt in Belarus (Weißrussland) ein Strafverfahren über ein homophob motiviertes Hassverbrechen an die Öffentlichkeit. Michail Pischewski wurde nach einer schwulen Veranstaltung in einem Minsker Club fast zu Tode geprügelt. Der Angreifer (da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, wird sein Name nicht genannt) kannte sein Opfer nicht. Laut Zeugenaussagen wurde der junge Mann allein deshalb verprügelt, weil er eine andere sexuelle Orientierung hat.

Eltern und Freunde wollten die Geschichte nicht an die große Glocke hängen – zu groß war die Angst, von Nachbarn, Freunden und der Gesellschaft verurteilt zu werden. Ihr Schweigen brachen sie erst, als Michail einen Monat nach der Tragödie aus dem Koma erwachte und die Hoffnung aufkam, ihm zwar nicht sein altes, aber zumindest ein Leben zurückzugeben.

Privatleben


Die Fotos wurden von der Familie zur Verfügung gestellt.

Michail lebte nie offen homosexuell. Beruflich plante und baute er Landhäuser. Er kümmerte sich um alles – von den ersten Skizzen bis zum Aufstellen des Zauns. Er mochte Musik und trainierte im Fitnessstudio.

Er war Bruder, Patenonkel der beiden Kinder seiner Schwester und geliebter Sohn seiner Mutter. In sein Privatleben weihte er nur die engsten Freunde ein. Die Verwandten wussten nichts von seiner sexuellen Orientierung.

Im Gespräch mit „Salidarnasc“ erzählte Michails Mutter Walentina von seinen Zukunftsplänen: „Er war sehr zielstrebig, hat sich ein Auto gekauft und Geld für eine eigene Wohnung gespart. Er wollte mich immer überreden, mit ihm nach Thailand zu fahren: ‚Mama, hör auf zu arbeiten, du hast schon genug geleistet. Jetzt ist es Zeit, sich auszuruhen‘, sagte er.“


Es sollte ihm nicht vergönnt sein, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Nur wenige Tage nach dem Gespräch ereignete sich der Angriff auf ihn.


Der Angriff

Am Abend des 25. Mai besuchte Michail mit Freunden eine geschlossene Veranstaltung in einem Minsker Klub. Am Eingang befanden sich einige Gäste zum Rauchen. Anhand ihrer Berichte konnten wir den Tathergang rekonstruieren:

Etwa um 2 Uhr nachts näherten sich mehrere Personen dem Klub. Eine junge Frau kam aus dem Klub heraus und beschwerte sich bei diesen, dass sich niemand für sie interessiere, da die Gäste der Veranstaltung allesamt homosexuell seien.

Dies erregte augenblicklich den Unmut der jungen Männer. Sie warteten, bis die ersten Besucher den Klub verließen und begann zu rufen:

„Da laufen sie, die Schwuchteln!“

Kurz darauf kam Michail mit zwei Freunden aus dem Klub. Als er die Beleidigungen hörte, erwiderte er:

„Wer ist hier eine Schwuchtel?!“

Damit endete das Gespräch.

Ohne zu antworten, stürzte sich ein Angreifer auf den jungen Mann und begann, auf ihn einzuschlagen.

Michail konnte sich nicht schützen und stürzte durch die Schläge zu Boden. Während einer seiner Freunde ihm zu Hilfe eilte, versuchte der andere, den Angreifer zu beruhigen – woraufhin ihm ein Schlag ins Gesicht verpasst wurde.

Als die Gruppe des Angreifers erkannte, dass Michail ernsthaft verletzt wurde, flüchtete sie vom Tatort. Vom Torbogen des benachbarten Gebäudes aus beobachteten sie die Ankunft des Rettungsdienstes und der Polizei. Einer der Augenzeugen bemerkte die Gruppe in ihrem Versteck. Er nahm den Angreifer selbstständig fest und übergab ihn der Polizei.

Zwischen Leben und Tod

Die Ärzte fanden Michail Pischewski in einem kritischen Zustand vor. Sie konnten nicht feststellen, ob die subduralen Hämatome im Gehirn des jungen Mannes auf die ihm zugefügten Schläge oder den Sturz zurückzuführen waren. Sie mussten jedenfalls dringend entfernt werden.

Im Verlauf der Operation mussten die Ärzte etwa 20% des Gehirns entfernen. Michail lag einen Monat lang im Koma. Seine Überlebenschancen waren minimal.

Dennoch wachte er auf.

Nach wie vor befindet er sich in einem wachkomaähnlichen Zustand. Er reagiert auf Reflextests und atmet. Manchmal gelingt es ihm, auf Bitte der Ärzte die Hand zu bewegen oder beim Versuch zu sprechen den Mund zu öffnen. Manchmal jedoch, so sagen seine Angehörigen, bleibt er einfach hängen, оhne seine Umgebung wahrzunehmen.


Michail soll demnächst aus dem Krankenhaus entlassen werden. Nicht etwa, weil es ihm schon viel besser geht, sondern weil ihm das weißrussische Gesundheitssystem nicht mehr weiterhelfen kann.

Laut Angaben der Angehörigen gibt es in Belarus für solche Patienten keine Rehabilitationsangebote. Derzeit versuchen Mischas Freunde, seine Verlegung in eine deutsche Klinik zu organisieren.

„Er wird nie mehr der alte sein, aber seine Lebensqualität kann verbessert werden“, sagen sie.

Gerichtsverhandlung und Urteil

Am 16. Oktober verhängte ein Gericht im Zentralen Minsker Stadtbezirk das Urteil über den Angreifer nach Abschnitt 1, Artikel 339 und 155 des weißrussischen Strafgesetzbuches.

Für "Hooliganismus" setzte das Gericht eine Arreststrafe von zwei Jahren fest, obwohl das gesetzliche Strafmaß bis zu drei Jahre beträgt. Für schwere fahrlässige Körperverletzung wurden nochmals zwei Jahre hinzugefügt.

Verurteilt wurde der Angeklagte schließlich zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten mit Verbüßung in einer Strafkolonie und einer Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 100 Millionen weißrussischen Rubel (ca. 7400 Euro, Anm.d.Ü.).

Als erschwerenden Umstand betrachtete das Gericht lediglich die Alkoholisierung des Beschuldigten zum Tatzeitpunkt. Davon, dass das Verbrechen aus Hass und Intoleranz gegenüber der sexuellen Orientierung eines anderen Menschen verübt wurde, war keine Rede – trotz darauf hinweisender Zeugenaussagen und der Tatsache, dass der Angeklagte selbst während der Verhandlung keinen Hehl aus seiner Einstellung zu Homosexuellen machte.

So berichtete der beim Prozess anwesende Korrespondent von „Salidarnasc“, dass es während der Verhandlung zu einem Wortgefecht zwischen Michails Freunden und dem Angeklagten kam, wobei letzterer diese als Schwuchteln bezeichnete, die man aufspießen müsse. (Ein entsprechender Videomitschnitt liegt der Redaktion vor.)

Die Eltern des Opfers sind mit dem Urteil nicht einverstanden. Vor allem beunruhigt sie, dass der Angreifer dagegen Berufung einlegen will, um eine Strafmilderung zu erreichen. Ihrer Meinung nach sollte das Strafmaß jedoch erhöht und nicht reduziert werden. Mit ihrem Anwalt studieren sie dafür derzeit die Prozessunterlagen.

Hilfe gesucht

Michails Freunde haben eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Wenn genügend Geld zusammenkommt und die Ärzte einem Auslandstransfer zustimmen, werden die gesammelten Spenden für seine Rehabilitation verwendet.

Unterdessen bereiten sich die Angehörigen darauf vor, Michail zu Hause zu versorgen. In seinem derzeitigen Zustand braucht er ständige Pflege. Die Reinigung der Katheter für die künstliche Beatmung und Ernährung muss von einer Krankenschwester vorgenommen werden. Dazu kommen noch die Kosten für Medikamente, Verbandmaterial usw.

Alle, die Michail unterstützen wollen, finden unten die Informationen zum 

PayPal-Konto:  leo-math@hotmail.com 1

oder zum Spendenkonto1:
(Hinweis: Bitte Gebühren ihrer Bank für Auslandsüberweisungen beachten. Wir empfählen PayPal Zahlungen zu bevorzugen, um Bankgebühren zu sparen.)


Zielland: Weißrussland / Belarus
Währung: Euro

Empfänger: Bartashevich Valiantsina
Kontonummer: 000028
Verwendungszweck: For treatment Michael Pischevskiy
Bank: Belarusbank Filiale Nr. 527/527
Bankanschrift: 18, Dzerzhinski ave, Minsk, 220089, Belarus
SWIFT: AKBBBY2X

Evtl. benötigt ihrer Bank noch Korrespondenzkonto. Das wäre:
SWIFT: COBADEFF
Bank: Commerzbank AG, Frankfurt am Main
Korrespondenzkonto: 400886596600EUR





Übersetzung von Mathias Althaler für Quarteera.de


1 Das ist ein privates Konto von einem Angehörigen von Michael, so wie es uns mitgeteilt wurde. Quarteera übernimmt keine Verantwortung dafür. Ausstellen von Spendebescheinigungen ist nicht möglich.

Morddrohungen gegen Organisatoren des Rainbowflash´s in Chabarowsk

veröffentlicht um 12.05.2014, 11:01 von W K   [ aktualisiert: 12.05.2014, 11:03 ]

9 Mai. 2014. 

Das Bürgermeisteramt der Stadt Chabarwosk im Fernen Osten Russlands hat der Durchführung eines Rainbow-Flashmobs im Rahmen des internationalen Tages gegen Homo- und Transphobie zugestimmt. Dies berichtete der Organisator der Aktion, der LGBT-Aktivist Alexander Jermoschkin. Wie Alexander weiter sagte, wurde ihm wegen der geplanten Aktion bereits Gewalt angedroht und er hätte daraufhin die städtische Administration gebeten, den Teilnehmern der Aktion im Notfall vor Ort medizinische Hilfe zur Verfügung zu stellen.

Wie ein Korrespondent von Radio Swoboda berichtet, findet der Flashmob am 17. Mai 2014 statt. Dabei wollen die Teilnehmer Luftballons steigen lassen, an denen  Aufkleber mit einem Rosa Winkel und Wünsche befestigt sein sollen. Einhundert Teilnehmer sind angemeldet worden.   

Im letzten Jahr war die ebenfalls mit der städtischen Administration abgestimmte Aktion noch vor Beginn angegriffen worden, konnte letztlich aber trotzdem durchgeführt werden. Als im April des letzten Jahres LGBT-Aktivisten in Chabarwosk aus Anlass des „Tages des Schweigens“ eine Aktion durchführten, bei der sie sich die Münder mit Klebeband verklebten und Flyer verteilten, wurden sie ebenfalls von einer radikalen Gruppe angegriffen. Einem Teilnehmer wurde dabei die Kleidung zerrissen. 

https://sites.google.com/a/quarteera.de/newquarteera/news/morddrohungengegenorganisatorendesrainbowflashsinchabarowsk/1901356_700705249975810_4608579215759601535_n.jpg
Alexander Jermoschkin verlor im letzten Herbst wegen seines LGBT-Engagements seine Anstellung als Geographielehrer einer Schule. Mehrfach wurde er von radikalen Gruppierungen auch mit dem Tode bedroht. Ein Artikel über ihn mit dem Titel „Die Geschichte mit der Gayographie“, den die Zeitung „Molodoj Dalnjewostotschnik“ (Junger Fernostler) publizierte, fand breite Resonanz in der Gesellschaft. Im Interview erdreistete sich Alexander über seine Normalität zu sprechen. Hierin erkannte Roskomdasor (die russische Aufsichtsbehörde für Massenmedien, Telekommunikation und Datenschutz, Anm. d. Ü.) eindeutig Homo-Propaganda. Ein Gericht verurteilte den Chefredakteur des „Molodoj Dalnjewostotschnik“ Alexander Suturin wegen einer Ordnungswidrigkeit zu einer Geldstrafe von 50.000 Rubel (1.000 €), was dieser wiederum als „faschistische Propaganda“ kommentierte. 

Suturin sagte damals: „Nach meinen Beobachtung, und dich übertriebe nicht, ist bei uns auf der Straße eine verdeckte Sittenpolizei entstanden. Ich als Vater einer erwachsenen Tochter mache mir große Sorgen um sie. Heute hat diesen Typen ein Schwuler nicht gefallen, den sie dann auf der Straße unbehelligt zusammengeschlagen haben. Morgen gefällt ihnen die Länge des T-Shirts meiner Tochter nicht und sie werden es ihr herunterreißen. Sie können das alles tun, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und mit jedem Tag werden es mehr und mehr. Genau darum ging es in dem Artikel.“  


Quelle: http://www.gay.ru/news/rainbow/2014/05/09-28804.htm

Übersetzung: Quarteera

„Viele Kinder leben offen, und insofern sind sie schon Sieger“

veröffentlicht um 24.04.2014, 06:41 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 28.04.2014, 01:41 ]

Jelena Ratschewa sprach mit den Regisseuren Askold Kurow und Pawel Loparew über ihren Film „Die Kinder 404“, der von jungen Lesben und Schwulen erzählt.


An diesem Mittwoch findet die Premiere des Films „Die Kinder 404“ im Rahmen des Projekts „Cinema verite“ statt, das Colta.ru mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung durchführt. Die Filmvorführung wird auch durch das Projekt „Realnost“ als weiteren Kooperationspartner ermöglicht.

Sie beide haben Dokumentarfilme über den Leninkult gedreht, Pawel macht außerdem Trickfilme und Askold war Ko-Autor des Films „Sima, uchodi!“ (Winter, fort mit dir!). Wie kam es zu dem Entschluss, einen Film über heranwachsende Schwule und Lesben zu drehen?

Pawel Loparew: Vor vier Jahren begann ich, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Damals dachte ich, man müsste sich damit beeilen, weil es schien, dass gerade eine Art Aufprall geschah und ein Konflikt in der Gesellschaft hochkam, der sich in einem Jahr wieder legen würde, wenn die Toleranz gesiegt haben würde. Doch dann stand erst einmal ein anderes Projekt an, und ich hatte keine Gelegenheit, mit dem Film anzufangen. Erst etwa drei Jahre später ging ich mit dieser Filmidee zu Askold.

Askold Kurow: Vor anderthalb Jahren hatte ich auf Colta.ru einen Artikel über ein schwules Paar gelesen, das in einer aussterbenden Kolchose zusammenlebt. Beide Männer arbeiten dort als Traktorfahrer, und ich wollte einen Film über sie drehen. Dann habe ich längere Zeit versucht, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, aber das klappte irgendwie nicht.

Pascha und ich hatten anfangs nur die ganz abstrakte Idee, einen Film über Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LGBT) vor dem Hintergrund des neuen Gesetzes gegen „Homopropaganda“ zu machen. Wir fingen also an zu recherchieren, trafen uns mit Aktivisten, gingen auf ihre Versammlungen und suchten Helden für unseren Film. Dabei fanden wir eine richtig tolle Geschichte – die Selbstverteidigungsgruppe. Deren Mitglieder sind LGBT-Aktivisten, die bei Straßenaktionen die Teilnehmer vor homophoben Übergriffen schützen sollen. Diese Freiwilligen üben sich in Selbstverteidigung in einer ganz gewöhnlichen Kampfsportgruppe. In ihrem Trainingsraum hängt eine riesengroße Fahne vom alten Zarenreich, tagsüber trainieren da Nationalisten, und abends kommen dann Schwule und Lesben. Das war echt abgedreht, weil diese Geschichte sämtliche Stereotypen durchbrach.

Loparew: Genau, ganz großes Kino eben. Der Trainer wusste, dass auch Schwule und Lesben in seinen Räumen trainieren, doch er wollte das nicht an die große Glocke hängen und gab uns keine Erlaubnis zum Drehen. Aber als eine Art „Entschädigung“ hat uns schließlich einer aus der Selbstverteidigungsgruppe den Link zur Gruppe „Kinder 404“ geschickt (einem Internetprojekt für lesbische und schwule Jugendliche, die dort von sich erzählen können – die Red.). Die Gruppe war im März gegründet worden, und unsere Filmidee entstand im September, sodass bereits 500, 600 Geschichten zusammengekommen waren.

Kurow: Wir machten uns auf den Weg nach Nischni Tagil zu Lena Klimowa, der Gründerin der Gruppe. Dort verbrachten wir zwei Tage, und Lena schrieb dann über unser Projekt allen Kindern und Jugendlichen, die bis zu diesem Zeitpunkt ihre Geschichten an „Kinder 404“ geschickt hatten – insgesamt über 700. 76 von ihnen waren bereit, mit uns zu reden. Letztlich sind 45 anonyme Interviews entstanden.

Die Namen Ihrer Protagonisten durften Sie natürlich nicht preisgeben, oder?

Kurow: Wir haben jedem Kind eine andere Stimme gegeben, und es werden an keiner Stelle geografischen Namen genannt. Zuerst dachten wir, dass wir uns mit unseren Filmhelden direkt treffen werden, doch das hätte sowohl für sie als auch für uns gefährlich werden können. Unser erster Protagonist, ein schwuler 16-Jähriger aus einem winzigen Dorf im Ural, wollte mit uns ein geheimes Treffen vereinbaren. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt merkten wir, dass nicht er, sondern seine Mutter antwortete: Sie hatte offenbar sein Benutzerkonto geöffnet und ging davon aus, dass wir Pädophile seien, sodass sie uns in eine Falle locken wollte. Was aus ihrer Sicht durchaus zu verstehen war ...

„Die Kinder 404“ nehmen sich heutzutage früher so an, wie sie sind. Doch ihre Eltern sind dazu noch immer nicht bereit.“

Loparew: Später haben wir erfahren, dass solche Dinge öfters passieren und Eltern die Post ihrer Kinder öffnen. Die Mutter eines anderen Jungen arbeitete zum Beispiel beim Inlandsgeheimdienst FSB, sie hatte das Facebook-Konto ihres Sohnes geöffnet, eine Beobachtungskamera installiert und ihn dann mit den Aufnahmen als Beweis für seine Verabredungen konfrontiert.

Kurow: Wir hatten uns gedacht, dass wir zuerst ein Interview immer aus der Ferne führen. Und wenn wir mit dem betreffenden Kind gut ins Gespräch kämen, würden wir es danach auch direkt besuchen. Doch als wir per Skype und am Telefon die ersten Interviews gemacht hatten, wurde uns klar, das allein schon diese Gespräche ein interessantes und wertvolles Material ergaben. Es bestand nur folgendes Problem: Für einen Film als visuellem Medium musste zu den Tonaufnahmen auch etwas gezeigt werden. Also fragten wir die Jugendlichen, ob wir „ihre Welt“ aufnehmen dürfen.

Loparew: Wobei wir sie nicht baten, etwas Konkretes aufzunehmen, etwa wie sie in der Schule gemobbt würden oder welche Skandale sie mit den Eltern auszutragen hätten, es sollte eher etwas Interessantes und Harmloses sein. So entstanden circa fünf Stunden äußerst unterschiedlicher Videoaufnahmen wie die Autofahrt mit der Mutter, ein Besuch zu Silvester, ein Einkaufsbummel, der Rundgang durchs Zimmer ...

Manchmal ergaben sich auch gewisse Dissonanzen – zum Beispiel wenn die Jugendlichen etwas sehr Trauriges erzählten, die Bilder aber zeigen, wie sie sich gerade über etwas kaputtlachen, mit einer Freundin durch die Stadt ziehen, ihre Füße aufnehmen oder eine Muppet-Show mit Fausthandschuhen geben.

Kurow: Es sind allerdings auch sehr bedrückende Momente zu sehen, zum Beispiel wenn man dieses Mädchen sieht, das gern allein auf dem Dach eines verfallenen Krankenhauses herumläuft und der Zuschauer ihre tiefe Einsamkeit spürt. Oder die Szene mit dem Jungen, der Aufnahmen in den Schulfluren macht, und man hört ständig „Schwuchtel!“, „Schwuchtel!“

Loparew: Zuerst haben wir diese Pöbeleien gar nicht richtig gehört, doch als wir den Ton lauter stellten, konnten wir innerhalb von nur einer Minute wiederholt Stimmen hören – von den Kleinsten bis zu den Schülern der oberen Klassen –, wie sie den Jungen anmachen: „Schwuchtel! Homo! Igitt, du Schlampe, verzieh dich!“ Ständig wird er beleidigt und angerempelt. Er hat es verdammt schwer, denn er wohnt nicht bei den Eltern und seine Peiniger haben ihm mehrfach brutal zugesetzt: Sie lauerten in der Nähe seines Hauses auf ihn, verprügelten ihn, haben ihn mit Urin überschüttet und sogar versucht, ihn zu vergewaltigen. Anfangs ist er dann mit dem Taxi nach Hause gefahren, später zog er um, und schließlich hat er freien Schulbesuch beantragt und hauptsächlich zu Hause gelernt.

Der Trailer zum Film zeigt fast ausschließlich einen Protagonisten, der schon erwachsen ist.

Kurow: Ja, und zwar Pascha – einen unserer Haupthelden, der bereits 18 ist. Kurze Zeit, nachdem wir uns entschieden hatten, den Film über die Kinder 404 zu machen, war ich unterwegs zu Aufnahmen von einem Unterstützertreffen für Alexei Nawalnys Dokumentarfilmprojekt „Srok“ (Die Frist). Nach diesem Treffen sah ich Pascha mit einem Plakat über Nawalny. Er fiel sofort auf, wie er da im Stadtzentrum mit seinem Plakat herumlief, sich als Einzel-Mahnwache vor dem Bolschoi-Theater aufstellte und später damit noch in der Metro zu sehen war ... Er hat mir aus dem Stand heraus gleich seine ganze Geschichte erzählt. Pascha stammt zwar aus der Provinz, aus Uljanowsk; er hatte aber trotzdem schon mit 14 sein Coming-out, woraufhin seine Mitschüler begannen, ihn fertigzumachen. Darum beschloss er, als er 16 war, nach Moskau zu gehen. Hier war er ganz auf sich gestellt und schloss die Schule ab – wobei man sagen muss, dass sich in Moskau die anderen Schüler normal zu ihm verhielten, dafür aber die Lehrer ihn schikanierten. Pascha ist inzwischen für ein Universitätsstudium in Kanada angenommen worden und will dorthin, um Journalistik zu studieren – und mit der Hoffnung, für immer dableiben zu können.

Im Film gibt es noch eine weitere interessante Figur. Einen ziemlich hippen Typ, der in einen gleichaltrigen Jungen vom Nachbarhof verliebt ist. Als die Mutter des anderen Jungen davon erfährt, verbietet sie beiden, sich zu treffen, und bestraft ihren Sohn mit Stubenarrest über die gesamten Neujahrsferien. Daraufhin halten unser Held und seine Freunde eine Mahnwache unter den Fenstern der Wohnung des eingesperrten Jungen. Und dessen Mutter ruft ihnen zu: „Ich reiß euch die Eier ab!“ Doch sie entgegnen ihr mit Sprechchören und Plakaten, auf denen steht: „Goscha, du bist der Beste!“ und „Liebe ist stärker als Hass“. Von LGBT stand nichts auf den Plakaten. „Mir ist schon klar, dass das sonst als Propaganda ausgelegt werden könnte“, sagte uns der 17-Jährige.

Loparew: Der Film enthält Ausschnitte von nur 25 Interviews. Einige Gespräche haben wir nicht verwendet, weil sie einfach zu heftig waren. Wir wollten nicht schockieren und auch keine großen Gesten, sondern einfache und einleuchtende Geschichten.

Kurow: Unser Anliegen war es, einen breiter angelegten Film zu machen, der nicht nur die Probleme lesbischer und schwuler Jugendlicher thematisiert, sondern einfach zeigt, wie es ist, anders zu sein.

Loparew: Genau, und da sich die Gespräche im Film kaum um Liebe drehen – und um Sex überhaupt nicht –, tritt das Thema sexuelle Orientierung auch in den Hintergrund. Wir erleben Kinder und ihre Geschichten, und wir verstehen, dass sie anders sind und dafür verfolgt werden. In gewissem Sinn ist das viel problematischer, als wenn du zum Beispiel einer anderen Nationalität angehörst. Die hast und kennst du von Geburt an und wirst damit in einer Familie aufgenommen. Doch in puncto sexueller Orientierung stellst du erst ab einem bestimmten Moment fest, dass du anders bist, und bleibst dir damit selbst überlassen.

Mit welchen Gefahren sind diese Kinder konfrontiert?

Kurow: Wenn Eltern herausfinden, dass ihr Kind homosexuell ist, drohen oft Besuche beim Psychiater oder Popen. Wir haben zwei Jungs gefilmt, die von ihren Eltern auf die Straße gesetzt wurden. Sie fanden  Unterschlupf in einem Dorf bei einer ihnen bis dahin unbekannten Frau, die sie über die Gruppe „Kinder-404“ gefunden hatten. 

Loparew: Bevor die beiden die Frau kennenlernten, hatten sie bereits überlegt, auf den Strich zu gehen, um über die Runden zu kommen. Das haben sie zwar als Witz erzählt, die Perspektive ist aber durchaus realistisch. Wenn die Kinder vor die Tür gesetzt werden und auf der Straße landen, geraten sie in eine andere, äußerst marginalisierte Umgebung.  

Eine andere Protagonistin ist ein Mädchen aus einer orthodoxen Familie, Tochter eines Popen uns selbst sehr gläubig. Selbstredend ist dies ein schwieriger Fall.

Dann gibt es da dieses 14jährige Mädchen aus einem kleinen Dorf. Ein erwachsener Mann (mich verwundert, dass Erwachsene daran beteiligt sind) hat sprichwörtlich die Jagd auf sie eröffnet. Er begann über das Internet Druck auszuüben, rief die Schule, die Eltern und die Verwaltung des Ortes an. Er hat es so weit getrieben, dass man anfing das Mädchen zu verfolgen und zusammenzuschlagen. Das Jugendamt hat sie wegen angeblicher homosexueller Propaganda unter Beobachtung. Nach der Annahme des Gesetzes über „Homosexuelle Propaganda“ haben einige Jugendliche Probleme mit der Verwaltung ihrer Schule bekommen. Manche haben nur Glück, weil sie gute Noten haben.

Ist es also so, dass diese Kinder gezwungen sind erfolgreich zu sein, um sich zu schützen? Ihr Anderssein stimuliert sie?

Kurow: Manchmal ist das so. Allerdings nur, wenn du nicht jeden Tag in der Schule verprügelt wirst und dich nicht mehr auf das Lernen konzentrieren kannst. Viele von denen, mit denen wir gesprochen haben, wollen weg aus Russland. Deshalb orientieren sie sich jetzt schon auf Berufe, die woanders gebraucht werden könnten, wie etwas Designer oder Programmierer.

Wollen viele weg?

Loparew: So ungefähr zwei Drittel. Ein Teil von ihnen sagt, dass sie nicht ausreisen wollen, doch glauben, dass sie in der Situation, die um LGBT-Menschen aufgebauscht wird, kein freies, vollwertiges Leben führen können werden. Erwachsene Homosexuelle, die in einem ganz anderen Land aufgewachsen sind, haben sich damit abgefunden. Doch viele „Kinder-404“ sind nicht bereit zu solchen Kompromissen

Die Fotos der Kinder werden durch Deine Freunde, Nachbarn, Verwandten lebendig. Du verstehst, dass sie irgendwo hier sind. Sie sind nur nicht sichtbar.

Kann man sagen, wodurch sich die „Kinder 404“ von herkömmlichen Jugendlichen unterscheiden?

Kurow: Viele von ihnen haben mit ihren 16, 17 Jahren bereits viel durchgemacht. Wahrscheinlich sind sie besser auf das Leben vorbereitet. Sie müssen jedoch für die Zukunft leben. Sie sagen: „Ich ertrage das, was jetzt mit mir passiert.“ Und dann machen sie sich auf Ärzte, Wissenschaftler, Übersetzer oder Künstler zu werden. Sie haben sehr ernsthafte Pläne für ihr Leben.

Sie müssen die Beziehung zu ihren Eltern ertragen?

Loparew: Ja. Das schlimmste ist, wenn Dich Deine Familie nicht akzeptiert. Früher, bevor es das Internet gab, hat der Mensch verstanden, dass er, sagen wir, schwul ist und sich lange selbst dafür gehasst und vor anderen versteckt hat. Von der Erkenntnis der eigenen Homosexualität bis zur Annahme derselben konnten viele Jahre vregehen. Die „Kinder 404“ jeoch sind eine ganz andere Generation. Sie leben und entwickeln sich in einer globalen Welt der Information. Sie nehmen sich früher selbst an. Und schon nach ein, zwei Jahren sind sie bereit zu einem aufrichtigen Gespräch mit den Eltern. Das Problem ist nur, dass die Eltern darauf in keiner Weise vorbereitet sind.  

Kurow: Die Kinder surfen im Internet, die Eltern jedoch schauen „Rossija“ und Dmitrij Kiselev[1]. Ihr Wissen über Homosexualität beziehen beide Seiten also aus völlig gegensätzlichen Quellen. Mich hat beeindruckt, dass einige Kinder ganz offen über sich und ihre Verliebtheit reden. Oft haben sie noch keine Art von körperlichen Kontakten sondern einfach nur romantische Gefühle. Es kommt vor, dass sie sich im Chat unsterblich verliebt haben. Das reicht ihnen jedoch schon, um sich vor den Eltern zu outen und für ihre Liebe zu kämpfen. 

Dann habt ihr also keine Opfer sondern Sieger gefilmt?

Loparew: Am Anfang dachten wir schon, wir würden einen Film über Opfer drehen. Über Ofer dieses Gesetzes, welches keine Demonstration und Protestaktion der LGBT-Aktivisten verhindern konnte. Das war’s. Das Gesetz ist in Kraft. Und Kinder sollten eigentlich diejenigen sein, die dieser Situation am schutzlosesten ausgesetzt sind. Doch im Film kam es ganz anders. Viele Kinder erscheinen nicht als Opfer. Sie entscheiden sich, offen zu leben und so sind sie wahrscheinlich die Sieger.  

Der Film wurde im letzten Jahr von September bis Dezember gedreht. Hat sich in dieser Zeit das Verhältnis zu LGBT-Jugendlichen geändert?

Kurow: Ja. Auf der einen Seite sind LGBT-Menschen jetzt auf dem Präsentierteller. Lehrer und Eltern werden intoleranter. Auf der anderen Seite hat all das unseren Protagonisten einen Grund gegeben, sich zusammenzuschließen und Unterstützung zu erfahren.

Ihr lasst keine Homophoben oder Eltern, die ihre Kinder verstoßen haben, zu Wort kommen?

Loparew: Am Anfang hatten wir uns das überlegt, doch dann haben wir verstanden, dass Homophobie in jedem von uns steckt. Wir reden so, wenn wir uns in der Küche unterhalten. Und auf einmal bringt dich das Schicksal mit einem schwulen Jugendlichen zusammen, der die ganz offen von Mobbing in der Schule erzählt, von Verliebtheit, von seinen Eltern …

Kurow: Wir haben homophobe Reflexionen gedreht. Die Kinder erzählen doch die ganze Zeit darüber. Das reicht völlig aus.

Loparew: Ein Junge hat eine ganz einfache Phrase gesagt: „Ich würde gern mal Milonow[2] sehen, wenn er ein Kind mit diesen Problemen hätte“. Er sagte das ganz ruhig, ohne in Rage zu geraten oder beleidigt zu sein. Das ist genau die Tonart, die wir in dem Film halten wollten.

Kurow: Wir hätten gern, dass dieser Film diesen Kindern eine Stimme gibt und zeigt, dass dies nicht irgendwelche geheimnisvollen Schwulen sind.

Loparew: Für den Film benutzten wird Fotos aus der Gruppe „Kinder 404“. Die Gesichter der Kinder sind verborgen, doch man kann sie trotzdem erahnen. Und wenn Du sie dir ansiehst, dann erwischst du dich dabei, wie du überlegst, ob sie nicht einem Bekannten ähnlich sind. Die Fotos der Kinder werden durch deine Freunde, Nachbarn, Verwandten lebendig. Sie fangen an deine reele Welt zu besiedeln und du beginnst zu verstehen, dass sie irgendwo um die herum sind. Sie sind nur verborgen.

Eine traurige Frage: welche Chancen hat der Film in Russland gezeigt zu werden?

Loparew: Nur im Internet. Und bei Festivals, doch das ist ein sehr begrenztes Auditorium.

Kurow: Ich denke, in Russland wird sich auch kein Festival finden. Eines hat bereits abgesagt oder besser man hat uns von selbst sehr akkurat gefragt: „Sie werden doch wegen des Thema des Films nicht an unserem Festival teilnehmen?“. Wir haben uns entschieden, dass dieser Film so viele Menschen wie möglich in Russland erreichen muss. Darum hier im Internet und im Westen auf Festivals. Am Anfang hatten wir Angebote von großen Produktionsfirmen aus dem Westen. Doch wir haben alles abgelehnt. Wir wollten komplette Unabhängigkeit. Allerdings wissen wir natürlich, dass wenn man das will, man uns trotzdem vorwerfen wird, wir hätten uns an den Westen verkauft. Der Film ist jedoch durch Crowdfunding entstanden. Wir haben eine Internetkampagne gestartet und 244 Menschen aus verschiedenen Ländern haben für dieses Projekt gespendet.



[1] Rossija ist einer der großen staatlichen russischen Fernsehsender. Dmitrij Kiselev ist Journalist bei eben diesem Fernsehsender und fällt immer wieder durch nationalistische, fremdenfeindliche, wie auch homophobe Aussagen auf. (Anm.d.Ü.)

[2] Witalij V. Milonow ist einer der Initiatoren des Gesetzes gegen „Homopropaganda“ (Anm.d.Ü.)



Übersetzung: Quarteera e.V.

Tätigkeitsbericht des Menschenrechtsbeauftragten der Stadt St. Petersburg

veröffentlicht um 05.04.2014, 04:21 von Regina Elsner

"Menschen mit einer "nicht traditionellen sexuellen Orientierung" sind eine weitere Gruppe, die mit einer wachsenden Xenophobie konfrontiert werden," berichtet Alexander Shishlov in seinem "Tätigkeitsbericht des Menschenrechtsbeauftragten der Stadt St. Petersburg für das Jahr 2013", der am 26.03 dem St. Petersburger Magistrat vorgestellt wurde. 2013 gab es zahlreiche Fälle des organisierten Wiederstands gegen genehmigten öffentlichen LGBT-Veranstaltungen seitens der feindlich gesinnten Bürger, die den Weg zu den Veranstaltungen versperrten und die Teilnehmer beleidigten und angriffen.
Der Menschenrechtsbeauftragter stellte wie schon 2012 die Zweckmäßigkeit des so genannten "Gesetzes gegen Homo-Propaganda" in Frage und wies darauf hin, dass im Laufe des Jahres nur ein solches Verfahren eingeleitet wurde und keine Beurteilungen erfolgten. Außerdem äußerte er sein Bedauern darüber, dass die Empfehlungen des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte bezüglich des oben genannten Gesetzes und seiner Abweichung von Normen des internationalen Rechts, die er im Juli 2013 dem Magisrat vorgelegt hatte, im Magistrat nicht behandelt wurden.
Insgesamt sind drei Seiten des Berichts der LGBT-Thematik gewidmet.

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