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„Nicht ohne meine Freundin“ – Abschiebung nach Polen verhindern!

veröffentlicht um 30.05.2014, 04:25 von Regina Elsner   [ aktualisiert 02.06.2014, 04:45 von Wanja K ]
M. (25) und S. (29) flohen Ende 2013 aus ihrer Heimat Kirgisistan. Ihr Leben als lesbisches Paar machte ihr Leben zur Hölle, die alltäglichen Diskriminierungen gipfelten in mehrfachen gewaltsamen Übergriffen auf der Straße, Verfolgung bis in die eigene Wohnung, Vergewaltigung und blankem Hass. Einen Ausweg sahen sie nur in der Flucht – Deutschland erschien ihnen als das Traumland: hier dürfen lesbische Frauen frei leben, ohne Angst gemeinsam durch die Straßen gehen, sie können heiraten, Kinder bekommen und gemeinsam als Familie leben. So auf jeden Fall der Eindruck, den sie per Internet bekamen. Sie ließen alles zurück, um ohne Bedrohung zusammen leben zu können.

Die Hürden der berühmten deutschen Willkommenskultur begannen bereits in der deutschen Botschaft in Bischkek: sie könnten gern das Geld für die Beantragung zahlen, aber als „alleinstehende“ junge Frauen hätten sie keine Chance auf ein deutsches Visum, sagte man ihnen bereits am Eingang. Also wichen sie auf die polnische Botschaft aus und reisten schließlich über Polen nach Deutschland ein. Beim Asylantrag in Deutschland gaben sie an, ein Paar zu sein. Dennoch sollten sie in getrennten Flüchtlingsheimen untergebracht werden, das konnte nur in letzter Sekunde durch Intervention bei der zuständigen Bezirksregierung verhindert werden.

Eine andere Angst begleitete sie jedoch jeden Tag: weil sie zwangsläufig über Polen eingereist waren (und diese Tatsache an keiner Stelle verheimlichten), ist Polen nach den Vorschriften des Dublin-Abkommens für ihren Asylantrag zuständig. Die Situation von LGBT-Flüchtlingen in Polen ist alarmierend, eine Ausweisung der beiden in das polnische Asylsystem würde ohne Frage eine weitere Traumatisierung der ohnehin stark traumatisierten jungen Frauen verursachen. In Polen hat noch keine Frau aufgrund der Verfolgung wegen ihrer lesbischen Orientierung Asyl erhalten, nur ein schwuler Mann aus Uganda. Laut Angaben der Anwältin erfüllen beide Frauen die Bedingungen, um in Deutschland Asyl zu bekommen – in Polen bestehen berechtigte Zweifel, wie polnische Menschenrechtler mitteilen. Deutschland hat die Möglichkeit, in Einzelfällen eine Überweisung in das Einreiseland zu verhindern, indem es den Fall selbst übernimmt. Das liegt im Ermessen des Bundesamts. Für M. und S. wurde diese Möglichkeit trotz Nachfrage ihrer Anwältin nicht genutzt.

Die zuständige Mitarbeiterin der polnischen Behörden teilte schließlich mit, dass in Polen für die beiden Frauen wunderbare Bedingungen herrschen und sie gerne das Verfahren übernehmen. Auch ein Eilantrag der Anwältin, die Entscheidung über die Überstellung nach Polen aufgrund der erschwerten Bedingungen für homosexuelle Flüchtlinge dort zu überprüfen, wurde vom Gericht abgelehnt. Besonders dramatisch an der Situation ist: der Überstellungsbescheid kam bisher nur für eine – somit droht die Trennung von den beiden. Weder ihre Anerkennung als Familie im polnischen Asylverfahren, noch die Möglichkeit, weiterhin gemeinsam untergebracht zu werden, können garantiert werden. Die Trennung, vor der sie geflüchtet sind und die für sie nach eigenen Aussagen die größte Katastrophe ihres Lebens wäre, wird also nun vom Bundesamt selbst vollzogen?

Nun liegt die ganze Hoffnung der beiden Frauen auf einer Handvoll AktivistInnen – ihrer engagierten Anwältin, Quarteera e.V., Rubicon e.V., den Wirtschaftsweibern in NRW, der lokalen evangelischen Kirchgemeinde... Eine Petition an den Landtag von NRW ist fertig (bitte unterzeichnen - https://www.openpetition.de/petition/online/ueberstellung-von-fluechtlingspaar-nach-polen-verhindern), Kirchenasyl könnte eine letzte Rettung sein. Jede Unterstützung ist willkommen!

 

Flüchtlingsarbeit von Quarteera e.V.: Verlorene Illusionen

Quarteera e.V. hat in den letzten Monaten vermehrt homosexuelle Flüchtlinge aus Russland und ehemaligen Ländern der UdSSR begleitet und beraten. Der Glaube in ein angemessenes Asylverfahren ist bei allen, die sich damit beschäftigen, verflogen: die Rechte, die in der „großen Politik“ erkämpft werden, und die vollmundigen Solidaritätsbekundungen deutscher Politiker gelten für Flüchtlinge, deren einzige Hoffnung unsere Demokratie ist, nicht. DolmetscherInnen und MitarbeiterInnen des Bundesamts wissen oft selbst nicht, was Homosexualität ist, welche Begriffe dafür verwendet werden, erst recht nicht, unter welchen Bedingungen homosexuelle Menschen in anderen Ländern leben müssen. „Sprachmittler“, die während der Anhörung die Geschichten der Flüchtlinge übersetzen, sind überfordert mit den Tatsachen, nicht selten bringen sie die homophoben Vorurteile mit, vor denen die Flüchtlinge geflohen sind. Die Anhörungen können deshalb zusätzlich demütigend für die Flüchtlinge sein, auf jeden Fall behindern die Sprachhürden eine korrekte Widergabe der Fluchtursachen. In den Flüchtlingsheimen sind homosexuelle Flüchtlinge aus allen Ländern mit der teilweise aggressiven Homophobie anderer Flüchtlingen konfrontiert. Die Mitarbeiter der Unterkünfte sind überfordert, auch ihnen fehlen oft Grundkenntnisse über Homosexualität und Homophobie. Dass homosexuelle Paare, die gemeinsam geflüchtet sind, als Familie behandelt und bearbeitet werden, grenzt an ein Wunder. All diese Tatsachen, mit denen die ehrenamtlichen HelferInnen von Quarteera konfrontiert wurden, lassen keine Illusionen übrig: Der deutsche Umgang mit Flüchtlingen ist auch für homosexuelle Menschen aus Osteuropa unmenschlich und zynisch.


Text: Regina Elsner

Foto: Xenia Gromak (c)

Kontakt: info @ quarteera.de

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